Nach der Exkommunikation der Piusbruderschafts-Bischöfe fordern Kardinäle und Bischöfe von Rom bis Oslo eine Rückkehr zur Großzügigkeit von Summorum Pontificum. Neun deutsche Bistümer antworteten auf Anfrage sehr unterschiedlich: von Fortführung bis zur schlichten Auskunft, man feiere die alte Messe gar nicht. Dass ausgerechnet jetzt wieder über die überlieferte Liturgie gesprochen wird, verdankt die Kirche jener Bruderschaft, die für ihre Treue zu dieser Liturgie und traditionellen Theologie gerade exkommuniziert wurde.
Nach den Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) am 1. Juli in Écône in der Schweiz hat der Vatikan die geweihten Bischöfe exkommuniziert. Das Dikasterium für die Glaubenslehre wertete die Zeremonie in einem Dekret als „Akt schismatischer Natur“: „Diese Handlung erfüllt den Straftatbestand des Schismas, mit den entsprechenden kanonischen Konsequenzen für die betroffenen Weiheträger und Laien“, hieß es in der beigefügten erklärenden Note.
Innerhalb weniger Tage meldeten sich daraufhin mehrere Kardinäle und Bischöfe rund um den Globus zu Wort und forderten eine Rückkehr zum Geist von Summorum Pontificum, jenem Motuproprio, mit dem Benedikt XVI. 2007 jedem Priester die freie Feier der überlieferten Messe erlaubt hatte. Papst Franziskus hatte diese Freiheit 2021 mit Traditionis custodes deutlich wieder eingeschränkt.
Certamen hat bei fünf deutschen Bistümern nachgefragt, wie diese zur gegenwärtigen Debatte stehen. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur CNA Deutsch dasselbe bei vier weiteren Diözesen getan. Insgesamt liegen somit neun Antworten vor, die zeigen, wie unterschiedlich die deutsche Kirche mit der überlieferten Liturgie umgeht.
„Verständnis für jene, die den alten Ritus wollen“
Kardinal Antonio María Rouco Varela, Erzbischof emeritus von Madrid, sprach sich in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung La Nuova Bussola Quotidiana für ein Ende der Regulierung der alten Messe aus. „Ich glaube, wir müssen liturgische Missbräuche beenden, die die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils leugnen. Die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils muss richtig gefeiert werden. Und dann brauchen wir Verständnis für jene, die den alten Ritus wollen“, sagte er.
Das 2007 erlassene Motuproprio Benedikts XVI. sei „eine sehr verständnisvolle Maßnahme“ gewesen, „ich glaube, es war gut“. Seine Schlussfolgerung: „treu zu bleiben dem, was das Zweite Vatikanische Konzil festlegt, mit ein wenig Respekt für die Freiheit der Gläubigen innerhalb der Gemeinschaft der Kirche. Deshalb: nicht regulieren.“
Auch Kardinal Kurt Koch, Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, sprach sich für eine Überprüfung von Traditionis custodes aus und warnte zugleich vor Selbstgerechtigkeit gegenüber der Piusbruderschaft: „Ich denke, es könnte in Richtung Selbstgerechtigkeit gehen, wenn wir die Bruderschaft einfach verurteilen und sagen, sie sei auf dem falschen Weg, ohne zu fragen, ob es in der Kirche heute grundlegende Defizite gibt, an die die Bruderschaft erinnert.“
Selbst bei der Frage, ob überhaupt von einem Schisma zu sprechen sei, hielt sich Koch zurück: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir bereits von einem Schisma sprechen können.“
Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof emeritus von Genua und ehemaliger Präsident sowohl der italienischen Bischofskonferenz als auch des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, verteidigte im Portal AdVaticanum die Koexistenz beider liturgischer Formen: „Das Dokument Summorum Pontificum schafft keinen neuen liturgischen Ritus, sondern erkennt innerhalb des einen römischen Ritus eine ordentliche und eine außerordentliche Form an.“
Am deutlichsten wurde Erzbischof Georg Gänswein, Apostolischer Nuntius für die baltischen Staaten und langjähriger Sekretär Benedikts XVI. Der italienischen Tageszeitung Il Giornale sagte er anlässlich des 19. Jahrestags von Summorum Pontificum: „Ich glaube, dies ist der Kairos, um diese Beschränkungen aufzuheben und den Rückschlag zu überwinden, den dieser Text darstellt.“
Bischof Fredrik Hansen PSS von Oslo kündigte an: „Die Messe nach dem Messbuch von 1962 wird jeden Sonntag in der Kirche St. Joseph in Oslo gefeiert. Das wird so bleiben. Wenn es Bedarf gibt und es dem Wohl der Kirche und der Seelen dient, werde ich diese Form der Messfeier in unserer Ortskirche auch ausweiten.“
Und Bischof Czesław Kozon von Kopenhagen hatte bereits zuvor gegenüber CNA Deutsch erklärt: „Man sollte die Menschen, die der alten Messe nahestehen, nicht marginalisieren, und es sollte keine Konkurrenz zwischen den beiden Messformen geben.“
Deutschland: vier Bistümer antworten CNA Deutsch
Wie stehen die deutschen Diözesen selbst zu dieser Debatte? Die Nachrichtenagentur CNA Deutsch hatte die Bistümer Passau, Regensburg und Hamburg sowie das Erzbistum Köln gefragt, ob sie die Forderung nach einer Rückkehr zu Summorum Pontificum teilen. Passau und Köln antworteten nur knapp.
Ausführlich äußerte sich das Bistum Regensburg, die einzige deutsche Diözese, die für die alte Messe römische Dispensen zur Feier in Pfarrkirchen erhalten hat. Stefan Groß, Leiter der Presse- und Medienabteilung, verwies auf die lange Geschichte der Priesterbruderschaft im Bistum: „Im Bistum Regensburg ist die Priesterbruderschaft St. Pius X. schon seit den späten 1970er Jahren mit einer Ausbildungsstätte für Priesteramtskandidaten präsent. Ein ausreichendes Angebot an Möglichkeiten zur Feier der Heiligen Messe in der außerordentlichen Form des römischen Ritus ist eine wichtige pastorale Antwort auf das teilweise aggressive missionarische Auftreten der Priesterbruderschaft und ihrer Anhänger.“
Sein Resümee war: „Mit den Regelungen von Traditionis custodes gab es im Bistum Regensburg keine Probleme.“
Auch das Erzbistum Hamburg kündigte keine Änderungen an. Pressesprecher Andreas Herzig, der anstelle des im Urlaub befindlichen Erzbischofs Stefan Heße antwortete, erklärte knapp: „Weltweit gelten die Regelungen des Schreibens Traditionis custodes vom 16. Juli 2021. Im Erzbistum Hamburg wird danach verfahren. Der Ritus wird an mehreren Orten im Erzbistum Hamburg von verschiedenen Priestern regelmäßig gefeiert. Bisher gibt es keine Überlegungen, dies zu ändern.“
Zur Frage, ob sich gerade junge Menschen von der überlieferten Liturgie angezogen fühlten, antwortete er: „Es ist eine kleine Gruppe von Gläubigen, die regelmäßig diese Form der Messfeier besuchen. Empirisch haben wir keine Erkenntnisse, ob sich junge Menschen besonders angesprochen fühlen.“
Die exklusive Certamen-Anfrage: fünf weitere Antworten
Certamen wollte es genauer wissen und wandte sich mit einer eigenen, direkten Frage an weitere deutsche Bistümer: Ob man angesichts der gegenwärtigen Debatte über die überlieferte römische Messe bereit sei, zu einer großzügigeren Regelung im Sinn von Summorum Pontificum zurückzukehren, da diese Liturgie über viele Generationen das Glaubensleben geprägt und unzählige Heilige genährt habe, und was der Kirche so lange geistliche Früchte geschenkt habe, nicht plötzlich als schädlich gelten könne. Die fünf Antworten fielen so unterschiedlich aus wie die Landschaft der deutschen Kirche selbst.
Aus dem Erzbistum Bamberg antwortete Pressesprecher Harry Luck im Auftrag von Erzbischof Gössl mit einer klaren Zusage: „[…] dass im Erzbistum Bamberg bisher und auch künftig mit erzbischöflicher Zustimmung an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten die Möglichkeit besteht, die Heilige Messe im außerordentlichen lateinischen Ritus zu feiern.“ Ähnlich das Erzbistum Berlin, wo Referentin Martina Richter mitteilte: „Im Erzbistum Berlin werden […] die Gottesdienste in der außerordentlichen Form des römischen Ritus regelmäßig gefeiert.“
Zurückhaltender äußerte sich die Diözese Würzburg. Bischöflicher Referent Kilian Martin stellte klar: „Die Feier der heiligen Messe nach dem Missale Romanum von 1962 ist im Bistum Würzburg ausschließlich in Übereinstimmung mit den gültigen, von der zuständigen apostolischen Autorität gesetzten Normen gestattet.“
Das Bistum Magdeburg schließlich beantwortete die Frage nach einer möglichen Öffnung erst gar nicht: „In unserem Bistum wird die alte Messe nicht gefeiert. Eine Bewertung dazu geben wir nicht ab“, schrieb Anja Schlender, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Auch das Bistum Dresden-Meißen äußerte sich: „Bekanntlich hat am 16. Juli 2021 Papst Franziskus das Motu proprio Summorum Pontificum durch das Motu proprio Traditionis custodes weitgehend außer Kraft gesetzt. Es obliegt daher gegebenenfalls Papst Leo XIV. oder seinen Nachfolgern, hier Veränderungen vorzunehmen.“
Neun Bistümer, Neun Antworten: Bamberg, Berlin und Regensburg zeigen sich etwas großzügiger. Hamburg, Passau und Köln beharren ohne größere Debatte auf dem Status quo. Würzburg bindet sich eng an die aktuellen römischen Normen. Magdeburg kennt das Thema in der eigenen Praxis schlicht nicht. Von einer geschlossenen Haltung der deutschen Kirche kann angesichts dieser Bandbreite keine Rede sein.
Summorum Pontificum, Traditionis custodes und eine Bruderschaft, die nicht aufgibt
Über viele Jahrhunderte hinweg wurde die überlieferte Liturgie in nahezu allen Teilen der Welt gefeiert. Sie prägte das geistliche Leben zahlloser christlicher Generationen und brachte unzählige Heilige hervor, lange bevor irgendjemand von einer außerordentlichen Form sprach, war sie schlicht die Form, in der die Kirche betete.
Mit Summorum Pontificum bestätigte Benedikt XVI. 2007, dass dieses Erbe niemals abgeschafft werden kann und jedem Priester frei zugänglich bleiben sollte. Papst Franziskus schränkte diese Freiheit 2021 mit Traditionis custodes deutlich wieder ein.
Anlässlich des 5. Jahrestags des Franziskus-Dokuments kommentierte der Philosoph Dr. Peter Kwasniewski kürzlich wie folgt: „Es ist das schlechteste Dokument, das ein Papst in der Geschichte der römischen Kirche erlassen hat. Punkt.“
Mitten in dieser wechselvollen Geschichte steht die Priesterbruderschaft St. Pius X., 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet, um die überlieferte Liturgie und Lehre zu bewahren, in einer Zeit, in der viele andere das Erbe der Kirche längst preisgegeben hatten.
Ohne die Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat der Piusbruderschaft hätten sich Kardinäle in Rom, Madrid und Oslo vermutlich nicht in dieser Dichte und zu diesem Zeitpunkt zu Wort gemeldet.
Wer heute in Rom über eine Rückkehr zur Großzügigkeit von Summorum Pontificum spricht, verdankt diesen Anstoß, so paradox es klingt, ausgerechnet jener Gemeinschaft, die dafür exkommuniziert wurde.
