„Gebet, Sakramente und Gnade sind keine Spiele“ Der Gründer von Creedo über Katechese und Streaks

Certamen
Kurze Lektionen, Punkte, Streaks, Tagesrätsel Creedo bringt den Katechismus bei, wie Duolingo Sprachen beibringt. Ein Kategorienfehler? Der Gründer zieht selbst eine scharfe Grenze: das Lernen über den Glauben darf man spielerisch machen, den Glauben selbst nicht. Wir haben mit Caleb Burbach über Primärquellen und den falsch vermuteten Engpass in der Katechese gesprochen.

Creedo ist eine katholische Lern-App, die den Aufbau von Duolingo auf die Glaubensunterweisung überträgt. Der Stoff ist in Lektionen von drei bis fünf Minuten zerlegt, jede endet mit einem kurzen Quiz; dazu kommen Punkte, tägliche Serien, Bibelvers- und Heiligenrätsel, die jeden Tag wechseln, und begleitende Comicfiguren, die durch den Lernweg führen. Die Themen reichen von den Sakramenten, der Trinität und der Mariologie über Kirchengeschichte und Moraltheologie bis zur katholischen Soziallehre. Die Inhalte sind, nach Angabe des Anbieters, durchgehend aus der Schrift, dem Katechismus der Katholischen Kirche und klassischen katholischen Werken gezogen, nicht aus eigenen Paraphrasen.

Hinter der App steht Caleb Burbach, ein katholischer Hochschulmissionar in den Vereinigten Staaten. Die Idee kam ihm nach eigener Darstellung während einer täglichen Duolingo-Lektion: Warum lässt sich der katholische Glaube nicht genauso zugänglich lernen? Creedo ist seit dem Sommer 2026 für iOS und Android verfügbar, in der Grundversion kostenlos; ein Abonnement namens Creedo Lux schaltet zusätzliche Theologiekurse und das vollständige Rätselarchiv frei. Neben der Lernumgebung enthält die App eine Gebetssammlung mit über hundert Andachten samt Anleitung sowie Funktionen, mit denen sich Nutzer ihrer Pfarrei, Lerngruppen oder Freunden anschließen können.

Wir haben mir Caleb gesprochen, und ihm ein paar Fragen zu seiner App gestellt:

Certamen: Warum Primärquellen? Was ändert sich, wenn man aufhört zu paraphrasieren und die Leute direkt vor den Text stellt?

Caleb: Ich glaube, Katholiken bekommen oft sehr viele Informationen über den Glauben, aber nicht besonders viel vom Glauben selbst. Das war eines der Dinge, die ich mit Creedo ändern wollte. Die Kirche verfügt bereits über eine unglaubliche geistige und geistliche Tradition. Ich wollte nicht noch eine App bauen, die den Leuten einfach meine Zusammenfassung dessen liefert, was die Kirche lehrt. Die Schwierigkeit ist, dass der Katechismus, die Schrift, Augustinus, die Heiligen und andere große katholische Werke einschüchternd wirken können. Sie sind oft lang, und sie wurden nicht für jemanden geschrieben, der fünf Minuten auf seinem Handy scrollt. Ich wollte dieses Material also zugänglich machen, ohne es flach zu machen. Eine Lektion kann kurz sein und trotzdem an etwas Gehaltvolles heranführen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich für die eigentliche Substanz des Glaubens oft viel mehr interessieren, als wir ihnen zutrauen. Sie brauchen nur einen guten Einstieg.

Certamen: Du hast erzählt, dass in einer Pfarrei mehr als 2000 Lektionen absolviert wurden, bevor überhaupt eine einzige Lektion zugewiesen worden war. Was hat Dir das darüber gesagt, wo der eigentliche Engpass in der pfarrlichen Glaubensbildung liegt?

Caleb: Es hat mich an der Annahme zweifeln lassen, dass Menschen einfach kein Interesse an Glaubensbildung haben. Wenn Leute freiwillig mehr als 2.000 Lektionen absolvieren, bevor ihre Pfarrei überhaupt eine einzige zugewiesen hat, dann war der Wunsch zu lernen offensichtlich vorhanden. Das Problem war, die Glaubensbildung in den Rhythmus ihres Alltags zu bringen. Pfarrliche Bildungsarbeit kann Treffen, Bücher, Aufgaben und viel Koordination bedeuten. Das alles kann gut sein, aber es erzeugt eben auch Reibung.

Creedo macht den ersten Schritt sehr klein. Man kann die App öffnen, ein paar Minuten etwas lernen und morgen wiederkommen.

Ich glaube, es gibt tatsächlich viel mehr Hunger nach Glaubensbildung, als wir manchmal sehen. Wir haben es den Leuten nur nicht immer leicht gemacht, diesem Hunger zu folgen.

Certamen: Creedo ist auf Englisch, und das Angebot für Pfarreien ist um amerikanische Katechese-Programme herum gebaut. Ist eine deutsche Fassung, oder eine europäische Pfarrlizenz, etwas, worauf Sie hinarbeiten?

Caleb: Das würde ich auf jeden Fall gern ausloten. Im Moment ist Creedo auf Englisch, und unsere Werkzeuge für Pfarreien sind auf Programme und Bedürfnisse zugeschnitten, die ich in amerikanischen Pfarreien erlebt habe. Aber das zugrunde liegende Problem ist ganz sicher kein spezifisch amerikanisches. Katholiken überall versuchen herauszufinden, wie man Menschen in einer Kultur bildet, in der so viel vom täglichen Leben ohnehin schon digital stattfindet.

Mich würde sehr interessieren, was sich tatsächlich ändern müsste, damit Creedo in Deutschland oder anderswo in Europa Sinn ergibt. Ich glaube nicht, dass es bloß eine Frage der Übersetzung wäre. Die pfarrlichen Strukturen und die Bildungsprogramme sind andere, und ich würde diese Unterschiede verstehen wollen.

Certamen: Streaks, Ligen und Tagesrätsel sind Duolingos Maschinerie, und manchen Lesern wird unbehaglich dabei sein, das auf den Glauben anzuwenden. Wo liegt für Dich die Grenze? Was ist das, was Gamification verbilligen würde und das Du deshalb bewusst unangetastet gelassen hast?

Caleb: Ich halte die Unterscheidung für wichtig, ob man das Lernen über den Glauben spielerisch gestaltet oder den Glauben selbst. Das Gebet, die Sakramente, die Gnade will ich nicht in ein Spiel verwandeln. Das sind keine Spiele, und ich will nicht, dass Menschen sie dafür halten.

Was ich spielerisch gestalten will, ist die Gewohnheit, sich zum Lernen einzufinden.

Duolingo hat gezeigt, dass Spielmechaniken es Menschen erheblich leichter machen können, eine tägliche Gewohnheit um etwas herum aufzubauen, das sie sonst immer weiter aufschieben würden. Ich glaube, dasselbe Prinzip kann der Katechese nützen. Der Streak ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass jemand wiedergekommen ist und etwas gelernt hat.

Und es gibt ganz klar eine Grenze. Wenn sich jemand mehr dafür interessiert, seinen Streak zu halten, als für das, was er dabei eigentlich lernt, dann haben wir das Ziel verfehlt.

Certamen: Einmal weg von Creedo selbst: Wie siehst Du das kommende Jahrzehnt für den katholischen Glauben, gerade unter den jüngeren Generationen? Wo erwartest Du Wachstum und was, wenn überhaupt, hält Dich mit Blick auf die Richtung, in die es geht, nachts wach?

Caleb: Ich bin eigentlich ziemlich optimistisch.

Es gibt selbstverständlich ernste Schwierigkeiten. Viele junge Menschen haben kaum noch eine Verbindung zum Christentum, und selbst viele junge Katholiken verstehen ihren Glauben nicht in der Tiefe. Aber ich glaube nicht, dass junge Menschen kein Interesse an Sinn, Bestimmung, Wahrheit oder Gemeinschaft hätten. Sie suchen ständig nach Antworten auf diese Fragen. Sie stoßen nur auf sehr viele verschiedene Antworten. Und ich glaube, die Kirche hat etwas unglaublich Überzeugendes anzubieten. Wir haben die Schrift, die Sakramente, die Heiligen, zweitausend Jahre Geschichte, Philosophie, Theologie, Schönheit und eine in sich stimmige Vorstellung davon, was es heißt, gut zu leben.

Ich glaube nicht, dass wir den Katholizismus weniger anspruchsvoll machen müssen, um junge Menschen zu gewinnen. Ich glaube, junge Menschen haben oft Hunger nach etwas, das sie ernst nimmt. Was mir Sorge macht, ist: Wir haben all dieses großartige Material und machen es den Menschen manchmal überraschend schwer, ihm überhaupt zu begegnen.

Das war einer der Gründe, warum ich Creedo begonnen habe. Ich habe immer wieder gedacht: Warum ist es so leicht, eine Stunde lang auf dem Handy über fast alles zu lernen, und so schwer, zehn Minuten lang den katholischen Glauben zu lernen? Ich glaube nicht, dass eine App dieses Problem löst. Creedo kann keine Pfarrei ersetzen, keinen Priester, keine Eltern, keinen Katecheten und nicht die Sakramente. Aber wenn wir es jemandem leichter machen können, jeden Tag etwas über den Glauben zu lernen, und wenn ihn das tiefer in die Schrift, das Gebet, die Sakramente, die Heiligen und das Leben der Kirche hineinführt, dann tun wir, glaube ich, etwas Sinnvolles.


The original English interview:

Creedo is a Catholic learning app that applies the structure of Duolingo to faith formation. The material is broken into lessons of three to five minutes, each closing with a short quiz, alongside points, daily streaks, and Scripture-verse and mystery-saint puzzles that change every day, with illustrated companion characters guiding the user through the path. Topics range from the sacraments, the Trinity and Mariology through church history and moral theology to Catholic social teaching. According to the developer, the content is drawn throughout from Scripture, the Catechism of the Catholic Church and classic Catholic works rather than from summaries of his own.

Behind the app is Caleb Burbach, a Catholic campus missionary in the United States. By his own account the idea came to him during a daily Duolingo lesson: why can’t learning the Catholic faith feel this approachable? Creedo has been available for iOS and Android since the summer of 2026, free in its basic version; a subscription called Creedo Lux unlocks additional theology courses and the full puzzle archive. Beside the learning environment, the app holds a prayer collection of more than a hundred devotions with step-by-step guides, as well as features that let users connect to their parish, to study groups, or to friends.

We talked to Caleb and asked a few questions about his app:

Certamen: Why primary sources? What changes when you stop paraphrasing and put people in front of the text itself?

Caleb: I think Catholics are often given a lot of information about the faith without actually being given much of the faith itself. That was one of the things I wanted to change with Creedo. The Church already has an incredible intellectual and spiritual tradition. I didn’t want to create another app that simply gives people my summary of what the Church teaches. The challenge is that the Catechism, Scripture, Augustine, the saints, and other great Catholic works can be intimidating. They’re often long and weren’t written with someone scrolling on their phone for five minutes in mind. So I wanted to make that material accessible without making it shallow. A lesson can be short while still introducing someone to something substantial.

I’ve found that people are often much more interested in the actual substance of the faith than we give them credit for. They just need a good entry point.

Certamen: You’ve said that in one parish, participants completed more than two thousand lessons before a single lesson had been assigned to them. What did that tell you about where the real bottleneck in parish formation lies?

Caleb: It made me question the assumption that people simply aren’t interested in formation. If people voluntarily completed more than 2,000 lessons before their parish had even assigned one, there was clearly a desire to learn. The problem was getting formation into the rhythm of their everyday lives. Parish formation can involve meetings, books, assignments, and a lot of coordination. All of those things can be good, but they also create friction.

Creedo makes the first step very small. You can open the app, spend a few minutes learning something, and come back tomorrow.

I think there is actually a lot more hunger for formation than we sometimes see. We just haven’t always made it easy for people to act on that hunger.

Certamen: Creedo is in English, and the parish product is built around American programmes such as OCIA. Is a German version, or a European parish licence, something you’re working toward?

Caleb: I’d definitely like to explore it. Right now, Creedo’s in English, and our parish tools have been built around programs and needs I’ve encountered in American parishes. But the underlying problem is certainly not uniquely American. Catholics everywhere are trying to figure out how to form people in a culture where so much of their daily life is already happening digitally.

I’d be very interested in learning what would actually need to change for Creedo to make sense in Germany or elsewhere in Europe. I don’t think it would just be a matter of translating the app. The parish structures and formation programs are different, and I’d want to understand those differences.

Certamen: Streaks, leagues and daily puzzles are Duolingo’s machinery, and some readers will be uneasy about applying it to the faith. Where is the line for you? What is the thing gamification would cheapen, that you deliberately left alone?

Caleb: I think there’s an important distinction between gamifying learning about the faith and gamifying the faith itself. I don’t want to gamify prayer, the sacraments, or grace. Those aren’t games, and I don’t want people to think they are.

What I do want to gamify is the habit of showing up to learn.

Duolingo showed that game mechanics can make it much easier for people to build a daily habit around something they might otherwise keep putting off. I think the same principle can be useful for catechesis. The streak isn’t the point. The point is that someone came back and learned something.

And there is definitely a line. If someone becomes more interested in maintaining their streak than in what they’re actually learning, then we’ve missed the point.

Certamen: Stepping back from Creedo itself. How do you see the next decade for the Catholic faith, especially among younger generations? Where do you genuinely expect growth, and what, if anything, keeps you up at night about the direction things are heading?

Caleb: I’m actually pretty optimistic.

There are obviously serious challenges. A lot of young people have little connection to Christianity, and even many young Catholics don’t have a deep understanding of their faith. But I don’t think young people are uninterested in meaning, purpose, truth, or community. They’re looking for answers to those questions constantly. They’re just encountering a lot of different answers. I think the Church has something incredibly compelling to offer. We have Scripture, the sacraments, the saints, 2,000 years of history, philosophy, theology, beauty, and a coherent vision of what it means to live a good life.

I don’t think we need to make Catholicism less demanding to attract young people. I think young people are often hungry for something that takes them seriously. What worries me is that we have all of this incredible material and sometimes make it surprisingly difficult for people to encounter.

That was one of the reasons I started Creedo. I kept thinking: why is it so easy to spend an hour learning about almost anything on your phone, but so difficult to spend ten minutes learning the Catholic faith? I don’t think an app can solve that problem. Creedo can’t replace a parish, a priest, a parent, a catechist, or the sacraments. But if we can make it easier for someone to learn something about the faith every day, and that leads them deeper into Scripture, prayer, the sacraments, the saints, and the life of the Church, then I think we’re doing something worthwhile.

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