Bei den Salzburger Hochschulwochen hat die Dogmatikerin Franca Spies erklärt, es gebe keine fixierte katholische Identität. Was das Katholische ausmacht, sei letztlich Aushandlungssache. Damit steht die Frage im Raum, ob die geoffenbarte Wahrheit selbst verhandelbar ist. Die Antwort der Kirche darauf liegt seit 1870 schriftlich vor.
Franca Spies hat Ende 2025 mit 35 Jahren die Professur für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg übernommen. Anfang August, sprach die aus Ulm stammende Theologin bei den Salzburger Hochschulwochen über „Katholische Identitäten: zwischen Zuschreibung und Aneignung“.
„Es gibt keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht“, sagte sie dort nach Angaben der Nachrichtenagentur Kathpress. Letztlich sei diese Identität Aushandlungssache, auch wenn es Eckpfeiler gebe, an denen sich die Aushandlung orientieren müsse.
Vier Eckpfeiler und der Dialog
Als solche Eckpfeiler nannte die Dogmatikerin die Anerkennung eines universalen Heilswillens Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele. Hinzu kämen das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit, die Anerkennung der „Geschichtlichkeit der Offenbarung“ sowie der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl.
Was „das Katholische“ ausmacht, lasse sich nicht einfach aus lehramtlichen Texten oder Dokumenten destillieren. Es könne nur jenseits von „Zuschreibung und Aneignung“ im Dialog entstehen.
Ende Juli hatte Spies der österreichischen Zeitung „Die Furche“ ein Interview gegeben. Dort begründete sie die Wandelbarkeit des Katholischen mit der Offenbarung selbst.
„Der Katholizismus glaubt zwar an die endgültig ergangene Offenbarung Gottes, aber auch daran, dass diese im Lauf der Geschichte immer tiefer erfasst und je neu ins Wort gebracht wird. Wir dürfen also damit rechnen, dass Überzeugungen der Kirche irgendwann besser oder gar anders verstanden werden.“
Was das Konzil wirklich sagt
Spies beruft sich für ihre Position auf die Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dessen Dokumente wie Nostra aetate und Dignitatis humanae seien „konsequente theologische Grundsatzentscheidungen“ und keine „Betriebsunfälle“ der Kirchengeschichte.
Dasselbe Konzil hat die Offenbarung ausdrücklich für abgeschlossen erklärt. In der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum von 1965 heißt es in Nr. 4: „Daher ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund, unüberholbar, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit.“
Einen Fortschritt kennt Dei Verbum durchaus, bestimmt ihn aber eng. Nach Nr. 8 wächst „das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen“, durch innere Einsicht aus geistlicher Erfahrung und durch die Verkündigung derer, die im Bischofsamt „das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben“. Derselbe Abschnitt mahnt die Gläubigen, für den Glauben zu kämpfen, „der ihnen ein für allemal überliefert wurde“.
An genau diesen Satz über den Fortschritt setzt das Konzil eine Fußnote. Sie verweist auf das Erste Vatikanische Konzil und dessen Dogmatische Konstitution Dei Filius.
Dei Filius: Wachstum ja, Abweichung nein
Das Dokument von 1870 ist die Antwort der Kirche auf die Frage, wie weit Entwicklung reicht. Sie beginnt mit einer Abgrenzung. „Die Lehre des Glaubens, die Gott geoffenbart hat, wurde nämlich nicht wie eine philosophische Erfindung den menschlichen Geistern zur Vervollkommnung vorgelegt, sondern als göttliche Hinterlassenschaft der Braut Christi anvertraut, damit sie treu gehütet und unfehlbar erklärt werde.“
Dann wird die Grenze gezogen. „Daher ist auch immerdar derjenige Sinn der heiligen Glaubenssätze beizubehalten, den die heilige Mutter Kirche einmal erklärt hat, und niemals von diesem Sinn unter dem Anschein und Namen einer höheren Einsicht abzuweichen.“
Und dann folgt der Satz, um den es hier geht. Das Konzil zitiert den heiligen Vinzenz von Lérins: „So wachse denn und gedeihe in reichem und starkem Maße im Laufe der Zeiten und Jahrhunderte Erkenntnis, Wissenschaft und Weisheit sowohl in einem jeden als auch in allen, sowohl im einzelnen Menschen als auch in der ganzen Kirche: aber lediglich in der ihnen zukommenden Weise, nämlich in derselben Lehre, demselben Sinn und derselben Auffassung.“
Lateinisch stehen dort vier Worte, die alles entscheiden: eodem sensu eademque sententia, im selben Sinn und in derselben Auffassung. Die Kirche verbietet dem Verständnis der Dogmen also nicht das Wachstum. Sie fordert es sogar ein, in reichem und starkem Maße. Gebunden ist dieses Wachstum an eine einzige Bedingung, und diese Bedingung ist der unveränderte Sinn.
Wir dürfen tiefer in die Wahrheit hineinschauen. Wir dürfen ihr nicht widersprechen. Wer eine Lehre so weiterentwickelt, dass sie am Ende das Gegenteil dessen sagt, was sie am Anfang sagte, hat sie ersetzt.
Dieselbe Grenze zieht das Erste Vatikanum an einer zweiten Stelle, in Pastor aeternus: „Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens heilig bewahrten und getreu auslegten.“ Auch Dei Verbum sagt in Nr. 10, das Lehramt diene dem Wort Gottes, „indem es nichts lehrt, als was überliefert ist“.
Newman unterscheidet Entwicklung und Verfälschung
Ein Vordenker der Lehrentwicklung ist John Henry Newman. 1845 veröffentlichte der englische Konvertit seinen Essay on the Development of Christian Doctrine, wurde später Kardinal und 2019 heiliggesprochen. Wer sich auf ein wachsendes Verständnis der Dogmen beruft, beruft sich früher oder später auf ihn.
Newman hat allerdings genau das Gegenteil von der Dogmatikerin Spies geschrieben. Das fünfte Kapitel seines Essays trägt den Titel „Genuine Developments Contrasted with Corruptions“, echte Entwicklungen im Gegensatz zu Verfälschungen. Es liefert sieben Kennzeichen, an denen man beides unterscheiden kann, und das erste heißt „Preservation of Type“, Bewahrung des Typus.
Im sechsten Abschnitt dieses Kapitels definiert Newman die Verfälschung. Entwicklungen, die dem bisher entfalteten Gang der Lehre, aus dem sie hervorgehen, „bloß widersprechen und ihn umkehren“, sind nach Newman „gewiss verfälscht; denn eine Verfälschung ist eine Entwicklung in genau jenem Stadium, in dem sie aufhört, das in ihrer bisherigen Geschichte Gewonnene zu erhellen, und anfängt, es zu stören“.
Newmans Prüfstein ist die Kontinuität, nicht die Beweglichkeit. Zur ersten Note schreibt er: „Das ausgewachsene Tier hat denselben Bau, den es bei seiner Geburt hatte; junge Vögel werden nicht zu Fischen, und das Kind entartet nicht zu dem Tier, dessen Herr es von Geburt an ist.“ Eine Lehre wächst órganisch wie ein Lebewesen, und gerade darum kann sie erkranken.
Newman erläutert das an einem zweiten Beispiel. Ein Richter werde „korrupt“ genannt, wenn ihn in seinen Urteilen Geldliebe oder Ansehen der Person leite, denn die Rechtspflege sei seine wesentliche Aufgabe. Wer vom Typus seines Amtes in einem wesentlichen Punkt abweicht, gibt das Amt auf.
Vinzenz von Lérins, der Mönch auf der Insel
Der Satz, den das Erste Vatikanum 1870 zitierte, ist rund 1400 Jahre älter als das Konzil. Geschrieben hat ihn ein Mönch auf einer kleinen Insel vor der provenzalischen Küste, gegenüber dem heutigen Cannes.
Lérins war im fünften Jahrhundert eines der großen Klöster des Westens, eine Schule für Bischöfe und Missionare. Dort verfasste Vinzenz um das Jahr 434 sein Commonitorium, ein Merkbuch für den Fall, dass ein Christ zwischen widerstreitenden Lehrmeinungen entscheiden muss. Die Zeit danach: Das Reich zerfiel, die Goten standen in Gallien, und in der Kirche stritten die Schulen über Christus und die Gnade.
Vinzenz gab seinen Lesern zwei Maßstäbe an die Hand. Der erste ist berühmt geworden: Verpflichtender Glaubenssatz kann nur werden, was „immer, überall und von allen“ geglaubt wurde. Wichtiger für unsere Frage ist der zweite, denn Vinzenz bestreitet gar nicht, dass die Lehre wächst.
Er vergleicht sie mit dem menschlichen Leib. „Die Religion der Seele ahme das Gesetz des Leibes nach, der mit den Jahren seine gebührenden Maße entfaltet und ausbreitet und doch derselbe bleibt, der er war. Klein sind die Glieder eines Kindes, größer die eines Jünglings, und doch sind es dieselben.“ So gibt Newman die Stelle in seinem Essay wieder, und er nennt Vinzenz ausdrücklich als den, von dem er dieses Bild übernommen hat.
Genau aus diesem Kapitel stammt die Formel, die 1870 in ein Dogma einging und die das Zweite Vatikanum 1965 in einer Fußnote wieder aufrief. Ein Mönch auf einer Insel, ein Konzil im Petersdom, ein zweites Konzil fünfundneunzig Jahre später: dreimal derselbe Maßstab. Wer die Kirche zwölf Jahrhunderte lang bei einer Sache bleiben sieht, darf sie schwerlich für eine Aushandlungssache halten.
Damit steht die Frage aus Salzburg beantwortet da, und sie ist eine Frage von Leben und Tod für den Glauben. Eine Wahrheit, über die verhandelt werden kann, ist keine Wahrheit mehr, sondern eine Übereinkunft.
Christus hat seiner Kirche sich selbst als die Wahrheit hinterlassen. Unsere Aufgabe ist es, immer tiefer in diese Wahrheit hineinzuwachsen, in demselben Sinn und derselben Auffassung.
Beten wir für Professorin Franca Spies und für alle, die in der theologischen Wissenschaft stehen, dass sie in der Fülle des überlieferten Glaubens jenes finden, was sie im Aushandeln suchen.
