Das FBI verglich den traditionellen Glauben mit radikalem Islam: Der Bericht aus Washington auf 231 Seiten

Certamen
Eine FBI-Bericht verglich den Glauben traditioneller Katholiken mit islamistischer Ideologie. Der DOJ-Bericht nennt zudem zwei überwachte Priester.

In einer internen Präsentation kam die US-Bundespolizei FBI zu dem Schluss, dass der traditionelle Katholizismus mit der sogenannten islamistischen Ideologie vergleichbar sei. Als Kennzeichen dieser Gefahr galten die überlieferte Messe, konservative Familienwerte und die Ablehnung der Moderne. Das US-Justizministerium hat jetzt auf 231 Seiten offengelegt, welche Maßnahmen darauf folgten: Zwei Priester wurden überwacht, Kapellen wurden mit Anschrift und Telefonnummer in einer Behördenakte erfasst und es wurde ein Plan entwickelt, um Gläubige als Spitzel für Hinweise zu gewinnen.

Um zu verstehen, was in Virginia geschehen ist, muss man drei Dinge wissen. Das FBI ist die Bundespolizei der Vereinigten Staaten und dort auch für den Staatsschutz zuständig. Es ist in Außenbüros gegliedert, von denen eines in Richmond sitzt, der Hauptstadt des Bundesstaates Virginia. Und dieses Außenbüro schrieb im Januar 2023 ein internes Lagepapier, das eigentlich niemals für die Öffentlichkeit gedacht war.

Am 8. Februar 2023 gelangte es dennoch an die Presse. Was folgte, waren Anhörungen im Kongress, zwei behördliche Untersuchungen und ein Regierungswechsel.

Am 28. August hat eine Arbeitsgruppe des US-Justizministeriums den vollständigen Vorgang auf 231 Seiten aufgearbeitet, mit 45 Belegdokumenten im Anhang. Über 1.800 Seiten interner Unterlagen wurden dafür ausgewertet.

Wie aus einem Kriminalfall ein Papier über Gläubige wurde

Alles begann mit einem gewaltbereiten Mann. Er zog nach der Schule von New York nach Virginia und veröffentlichte rassistische sowie gewaltverherrlichende Beiträge im Internet. Im August 2020 zerschnitt er Autoreifen und griff die Polizei an. Bei ihm fanden die Beamten Waffen und Munition.

Er wurde verurteilt und kam ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung baute er über ein halbes Dutzend Molotowcocktails und rief im Netz zum Mord an Minderheiten und Polizisten auf. 2025 wurde er zu mehr als acht Jahren Bundeshaft verurteilt. Dass ihm die Behörden nachgingen, war richtig.

Dieser Mann begann im Frühjahr 2022, eine Kapelle zu besuchen. Diese gehört zur Priesterbruderschaft St. Pius X., einer Gemeinschaft, die 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet wurde und an der überlieferten Messe festhält. Er war dort kein Mitglied, war nicht katholisch und war noch nie zur Beichte gegangen. Er besuchte drei oder vier Katechismusstunden.

Das FBI befragte daraufhin im November 2022 den Priester der Kapelle. Dieser sagte, er kenne den Mann über die Kirche, aber nicht gut, und er habe „wirre Ansichten“ gehabt. Seine „Haltung zu den Dingen müsste sich unbedingt ändern, bevor er in die Kirche eintreten kann“.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Ein Gewalttäter hatte eine Kirche betreten, und der Priester hatte ihn abgewiesen.

Sie war noch nicht erledigt. Bereits im September 2022 hatte ein Mitarbeiter des Außenbüros drei Themen für das kommende Arbeitsjahr vorgeschlagen. Das dritte lautete, dass es eine „zunehmende Überschneidung“ zwischen radikal-traditionellen Katholiken und gewaltbereiten Extremisten gebe. Er selbst bezeichnete diesen Vorschlag als einen „unmittelbaren Ausfluss“ jenes einen Falles und räumte ein, dass alles davon abhänge, „ausreichend zusätzliche Belege“ über diesen einen Mann hinaus zu finden.

Genau hier kippt der Vorgang. Die Behauptung stand vor dem Beweis, und die Beweise wurden anschließend gesucht. Gefunden wurden sie jedoch nicht.

Die Suche in den Datenbanken erbrachte zwei weitere Fälle. Einer davon betraf einen Verstorbenen, den die Auswerterin in einem Dossier einer privaten Organisation entdeckt hatte. Sie hielt die Angaben trotzdem für „interessant”. Damit trug die Behauptung über den traditionalistischen Katholizismus als solchen auf drei Personen: einem Mann, der nicht katholisch war, einem Verstorbenen aus dem Dossier einer privaten Organisation und einem dritten Fall.

Neun weitere katholische Vereinigungen wurden von einer Liste des Southern Poverty Law Center übernommen. Diese linke amerikanische Organisation führt Verzeichnisse sogenannter Hassgruppen und steht dafür seit Jahren in der Kritik. Darunter befanden sich auch katholische Zeitschriften und Verlage. Die eigene Fachabteilung des FBI stellte später fest, dass diese Quelle kritisch geprüft werden musste.

Was das FBI über den traditionellen Glauben aufschrieb

Um zu erklären, wovon eigentlich die Rede war, erstellte das Außenbüro eine Präsentation mit dem Titel „Überblick über den traditionalistischen Katholizismus“. Diese Folien sind der eigentliche Anstoß, und sie liegen dem Bericht aus Washington bei.

Eine Folie heißt „Kernvorstellungen“. Aufgeführt werden dort die „traditionelle lateinische Messe, auch tridentinischer Ritus, und ihre Praktiken“, dazu „konservative Familienwerte und Rollen“, die „Ablehnung der Moderne“ und eine „Neigung zum Isolationismus“. Die überlieferte Messe steht an erster Stelle.

Die nächste Folie trägt den Titel „Wie im Himmel, so auf Erden“, eine Anspielung auf das Vaterunser. Unter dem Zwischentitel „Integralismus“ folgen vier Stichpunkte. Der letzte lautet: „Vergleichbar mit der islamistischen Ideologie“.

Worauf sich dieser Satz bezieht, hält der Bericht des Justizministeriums ausdrücklich fest. Nicht auf eine kleine Randgruppe, sondern auf den „traditionalistischen Katholizismus“ als solchen.

Eine Bundespolizei stellt den Glauben, in dem die Kirche jahrhundertelang gebetet hat, in dieselbe Reihe wie eine Ideologie, für die sich Menschen in die Luft sprengen Und die Merkmale, an denen sie diesen Glauben erkannte, waren die Messe, die Familie und die Weigerung, dem Zeitgeist zu folgen.

Die Adressenliste, und warum sie besonders schwer wiegt

Das Papier empfahl auch eine Reihe von Maßnahmen. Unter der Überschrift „Möglichkeiten“ riet es, mit der Leitung der Gotteshäuser Kontakt aufzunehmen, um „diese Gemeinden für die Warnzeichen der Radikalisierung zu sensibilisieren und ihre Unterstützung zu gewinnen, damit sie als Meldestellen für verdächtige Vorgänge dienen“. Gläubige sollten der Behörde melden, was ihnen an ihren Mitgläubigen auffällt.

Dann folgt eine Liste mit Namen, Anschriften und Telefonnummern. Zwei Kapellen der Piusbruderschaft in Virginia stehen darauf und das Priesterseminar der Piusbruderschaft in Dillwyn. Auch die Bistumsleitung von Richmond sollte helfen, die Pfarreien zu sensibilisieren.

Auch eine Pfarrei der Petrusbruderschaft steht auf der Liste des FBI, die Pfarrei St. Joseph in Richmond. Die Behörde wusste, mit wem sie es zu tun hatte. In ihrer eigenen Erläuterung schrieb sie über die Petrusbruderschaft, diese habe sich von der Piusbruderschaft getrennt, „um in der vollen Gemeinschaft mit dem Vatikan zu bleiben“.

Erfasst wurde hier also eine offiziell anerkannte katholische Pfarrei, deren einzige Auffälligkeit darin bestand, die alte Messe zu feiern.

Bischof Barry Knestout von Richmond hat genau darauf am 13. Februar 2023 hingewiesen. Er sei „überrascht, die Priesterbruderschaft St. Petrus erwähnt zu finden, eine Ordensgemeinschaft, welche die überlieferte Form der katholischen Messe feiert“.

Weiter betonte er: „Wenn es Belege für Extremismus gibt, sollen sie aufgedeckt werden, aber nicht auf Kosten der Religionsfreiheit. Eine Vorliebe für überlieferte Formen des Gottesdienstes und das Festhalten an der Lehre der Kirche über Ehe, Familie, menschliche Sexualität und die Würde der menschlichen Person ist nicht dasselbe wie Extremismus.“

Zwei Priester unter Beobachtung

Während das Papier entstand, liefen auch zwei Vorgänge gegen Priester. Betroffen war zum einen der Pfarrer jener Kapelle, zum anderen dessen Onkel, ebenfalls Priester. Dieser Onkel war 1992 von Bischof Richard Williamson geweiht worden, der später aus der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde und eine eigene Abspaltung anführte. Aus dieser familiären Verbindung wurde ein Verdacht gegen den Neffen.

Zuvor war noch etwas anderes geschehen. Bei der zweiten Befragung im November 2022 fragten die Beamten weiter nach dem Gemeindemitglied. Der Priester erklärte, er könne das Beichtgeheimnis nicht verletzen. Daraufhin legte ihm der Beamte seine eigene Auffassung vom Beichtgeheimnis dar und dass dieses kein umfassender Schutz sei. Die Antwort des Priesters steht wörtlich im Vermerk: „Ich will damit nichts zu tun haben.“

Am 5. Januar 2023 eröffnete das Außenbüro eine Vorprüfung gegen ihn, um zu klären, ob er den Mann rekrutiere oder radikalisiere. Als Begründung nannte die Akte zwei Umstände: seinen Dienst an der Kapelle und die Rolle seines Onkels in jener Abspaltung.

Beim Onkel ging es weiter. Die Behörde erhob seine Flug- und Kreditkartendaten und beobachtete ihn am 31. Januar 2023 am Flughafen Boston, in einer Maßnahme, die in der Akte „Beobachtung, die keine richterliche Anordnung erfordert“ heißt. Die Grenzbehörde befragte ihn zweimal und durchsuchte sein Telefon. Anschließend folgten Beamte ihm zu einem Wohnhaus und beobachteten am Abend ein weiteres Anwesen, wobei sie notierten, dass innen Licht brannte.

Am 8. Februar 2023 wurde das Papier öffentlich. Zwei Tage später schloss das FBI den Vorgang gegen den Onkel, fünf Tage darauf den gegen den Neffen. In der Akte steht als Grund, es sei „keine festgestellte Bedrohung der nationalen Sicherheit“ gefunden worden und „kein Vorwurf eines Bundesrechtsverstoßes“ erkennbar. Beide Priester hatten nichts getan.

Dass alles jetzt vollständig auf dem Tisch liegt, hat mit dem Regierungswechsel zu tun. Das Papier entstand unter Präsident Biden. Im Januar 2025 ordnete die neue Regierung an, den politischen Missbrauch von Bundesbehörden aufzuarbeiten, und richtete dafür im Justizministerium eine Arbeitsgruppe ein.

Ihr Bericht ist der Text vom August dieses Jahres, und sein Schluss lautet: „Die Geschichte wird das Richmond-Katholiken-Memo mit Recht als schweres Versagen des FBI-Außenbüros Richmond beurteilen.“ Die Verfasser des Papiers sind mittlerweile aus ihren Positionen entlassen worden.

Ein Papst als Verdachtsmoment

In den Unterlagen des Außenbüros findet sich zur Piusbruderschaft eine Notiz, die aufhorchen lässt. Sie sei nach Papst Pius X. benannt, „der den Modernismus ablehnte“, und dessen Haltung diene der Gemeinschaft als Inspiration. Was hier als Erkennungsmerkmal einer Gefahr notiert wird, ist die Lehre der Kirche.

Pius X. verurteilte 1907 in der Enzyklika Pascendi Dominici gregis den Modernismus als Sammelbecken aller Irrlehren. Gemeint war damit die Vorstellung, der Glaube sei ein Gefühl und die Offenbarung eine Erfahrung, die sich mit den Zeiten wandelt. Der heilige Papst wusste, dass diese Klarheit Feinde macht.

Sie hat immer Feinde gemacht. In den Katakomben der Ewigen Stadt beteten die ersten Christen unter der Erde, weil ihr Bekenntnis dem Staat als Bedrohung der öffentlichen Ordnung galt. Im Kulturkampf saßen Priester und Bischöfe in Preußen im Gefängnis, weil sie die Maigesetze nicht anerkannten, mit denen der Staat die Ausbildung der Geistlichen an sich zog. Im zwanzigsten Jahrhundert schrieben kommunistische Spitzel in Warschau und Prag mit, was von der Kanzel gesagt wurde.

Beten wir für die beiden Priester, deren Reisen, Telefone und Konten durchsucht wurden, weil sie für die Seelen da waren. Beten wir auch für die Beamten, die dieses Papier geschrieben haben, und für alle, die heute in Ämtern über Gläubige urteilen. „Betet für die, die euch verfolgen“, hat der Herr in der Bergpredigt gesagt (Mt 5,44).

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