Die Verkündigung des Evangeliums und die Umsetzung des Doppelgebotes der Heiligen Schrift: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27). Dies sind in Kürze die Berufung und das Lebenswerk des demütigen Heiligen aus Assisi.
Er wird von verschiedenen Interessengruppen zitiert und als Beispiel herangezogen, jedoch: Sein gesamtes Wirken resultierte allein aus der Erkenntnis eines barmherzigen Schöpfergottes und seiner Schöpfungsordnung, wie sie in der gesamten Heiligen Schrift zu finden ist. Diesem Gott und seinem Nächsten diente Franz von Assisi hingebungsvoll und ohne Ansehen der Person.
Franz von Assisi wurde in den achtziger Jahren des 12. Jahrhunderts geboren und kehrte am Abend des 3.10.1226 zu seinem Schöpfer zurück. Diesen Übergang in die ewige Herrlichkeit, der nach katholischem Verständnis den Gläubigen verheißen ist, begeht nun die franziskanische Familie als Transitus des Heiligen am 3.10. zum achthundertsten Mal besonders feierlich. Für Franz von Assisi war das irdische Lebensende ein ersehnter Übergang zu dem Herrn, der ihm bereits auf Erden ein Ansporn und Tröster war. Franz betrachtete den Tod auf Erden als Teil der natürlichen und vollkommenen Schöpfungsordnung. Er wünschte sich am Ort seiner Berufung, in Portiunkula, im Kreis seiner Brüder den Übergang zu erwarten. Am Abend des 3.10.1226 beim Rezitieren eines Psalms wird er schließlich in die ewige Herrlichkeit hinübergehen. Der heilige Franz von Assisi, der immer aktuell ist und mit dem „man niemals fertig ist“, wie der große Hagiograph und protestantische Theologe Walter Nigg einst feststellte, verdient unsere Aufmerksamkeit, nicht nur an seinem Gedenktag.
Wer war er und was war sein Credo?
Franz wurde in eine reiche und angesehene Familie hineingeboren, sein Vater war ein wohlhabender Tuchhändler, so verbringt er eine unbeschwerte Jugendzeit. Musik und Tanz, opulente Feste und Vergnügungen stehen auf der Tagesordnung. Als es zu Beginn des 13. Jahrhunderts zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Perugia und Assisi kommt, sieht er sich verpflichtet, für seine Geburtsstadt zu kämpfen; ist er doch ohnehin in dieser Lebensphase begeistert von Kampf und Rittertum. Im Verlauf der Kampfhandlungen gerät Franz in Gefangenschaft und wird ein ganzes Jahr in Kerkerhaft verbringen. Während dieser Zeit kommen ihm bereits erste Zweifel an seiner bisherigen Lebensführung. Feiern und Amüsement: soll dies der Sinn des Lebens sein? Während der Gefangenschaft erkrankt er zudem schwer und nach überstandener Haft und Erkrankung reflektiert er verstärkt seine bisherige Lebensweise.
Franz ist nun intensiv auf der Suche nach Wahrheit und Sinn seines Lebens und glaubt im Sommer 1206 in einer kleinen, baufälligen Kirche namens San Damiano, bei Assisi, die Stimme und den Willen Gottes zu vernehmen, der zu ihm spricht: „Bau meine Kirche wieder auf.“ So beginnt er diese verfallene Kirche zunächst mit der Kraft seiner Hände zu restaurieren, bis er später begreift: Die Kirche Jesu Christi sollte bereits damals vor allem von innen heraus erneuert und von allem befreit werden, was sie an der wahrhaftigen Nachfolge des auferstandenen Herrn hindert.
Konsequent sagt sich Franz von irdischen Gütern los und folgt von nun an einzig seinem himmlischen Vater und seinen Geboten. Den Ausgegrenzten, Aussätzigen und Armen gehören fortan seine ganze Liebe und Aufmerksamkeit. Darüber hinaus vergisst er nicht den Auftrag Jesu: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung“ (Mk 16,15). Im Jahr 1219 tritt der Liebhaber der Armut, der „Poverello“ Franz, sogar mit der muslimischen Welt in Kontakt; arabische Quellen berichten vom Besuch des Heiligen beim Sultan Malik al-Kamil aus Ägypten, um Frieden zwischen Muslimen und Christen zu stiften.
Doch auch den Tieren als Geschöpfen Gottes galt seine Fürsorge. Diese Leidenschaft, die Franz für die Natur sowie die gesamte Schöpfung Gottes hegte, sie entsprang aus der Liebe für den Schöpfer aller Dinge. Sein brennender Wunsch nach Frieden und Versöhnung resultierte konsequenterweise aus der Umsetzung der Botschaft Jesu: „Liebe deine Feinde“ (Mt 5,44-45) und vergib „siebzigmal siebenmal“ (Mt 18,21-22). Dies war sein Maßstab im Umgang mit seinen Zeitgenossen. Somit stellt Franz von Assisi ein Vorbild und Orientierungspunkt zu allen Zeiten dar; er erkannte, dass Liebe und Demut dem Schöpfer und seinen Geboten gegenüber zu einem erfüllten Leben führen können. Gegen Ende seines Lebens glich er sich seinem Herrn Jesus immer mehr an, sogar derart, dass er im September des Jahres 1224 auf dem Berg „La Verna“, wohin er sich zu Fasten und Gebet zurückzog, die Stigmata, also die Wundmale des Herrn empfing. Wie einst Jesus weilte er 40 Tage und Nächte in einer Felsenhöhle auf einem Berg. Franz von Assisi gilt als der erste Mensch, bei dem diese Wundmale entdeckt und diagnostiziert wurden. Seinen nahen Tod verstand er als Übergang in das Reich dessen, dem er hingebungsvoll und kompromisslos diente.
Er nimmt das Evangelium beim Wort
Franz von Assisi predigte keine abgehobenen, theologischen Konstrukte, er lebte und verkündigte den Menschen zugewandt und lebensnah. Ein lebendiges Beispiel: Die Darstellung der Weihnachtskrippe mit lebenden Darstellern geht auf ihn zurück; im Jahr 1223 inszenierte er in Greccio ein historisches Krippenspiel mit Mensch und Tier und schuf so ein bleibendes und greifbares Bild der Menschwerdung Christi. Franz will keiner weltlichen Macht gefallen; er nimmt das Evangelium beim Wort, auch dann, wenn es höchsten Einsatz fordert.
„Pax et bonum“: Friede und Wohlergehen in der Nachfolge Christi. Dieser Gruß des heiligen Franz, seiner Brüder und der gesamten franziskanischen Familie und gültig bis in unsere Zeit, er möge uns begleiten und als Orientierung dienen. Dies vor allem in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und Umwertung der höchsten Werte.
Sylvia Sobel
Bild: Giotto di Bondone, Tod des heiligen Franziskus (Ausschnitt), um 1325, Bardi-Kapelle, Santa Croce, Florenz. Foto: Prof. Mortel, CC BY 2.0
