Ein Jahrzehnt Suche: Der Princeton-Philosoph Joseph Schmid kehrt in die Kirche zurück

Certamen
Der Princeton-Philosoph Joseph Schmid, jahrelang prominenter Kritiker der Gottesbeweise, hat seine Rückkehr in die katholische Kirche bekanntgegeben.

Sechs Jahre lang hat Joseph Schmid auf YouTube die Argumente für das Dasein Gottes zerlegt. Am 21. August trat er vor dieselbe Kamera und sagte seinen 55.000 Abonnenten: „Große Neuigkeiten. Gott existiert.“ Was ihn zurückführte, war ein Gedanke, an dem die Philosophie derzeit nicht vorbeikommt. Und dann waren da die Wunder.

Joseph Schmid ist Doktorand im vierten Jahr in Philosophie an der Princeton University. Seit April 2020 betreibt er den Kanal „Majesty of Reason“, auf dem er Vorträge hält, mit Fachkollegen debattiert und auf andere Kanäle antwortet. Wie er gegenüber EWTN News sagte, war „die Kritik an Argumenten für das Dasein Gottes einer meiner zentralen Schwerpunkte“.

Am 21. August stellte er ein knapp halbstündiges Video online. Es erreichte in zwei Tagen über 100.000 Aufrufe und wurde damit das meistgesehene seines Kanals.

„Große Neuigkeiten. Gott existiert.“

So begann Schmid die Ankündigung: „Große Neuigkeiten. Gott existiert. Christus ist der Herr, und Er hat die katholische Kirche gestiftet.“ Bei LifeSiteNews ist überliefert, wie er fortfuhr. „Ich mache keine Witze. Ich bin gerade zum katholischen Glauben konvertiert.“

Für die 55.000 Abonnenten seines Kanals dürfte das unerwartet gekommen sein. Schmid hatte sich über Jahre offen als Agnostiker bezeichnet.

Gegenüber EWTN News führte er die Rückkehr nicht auf sich selbst zurück. Sie sei „nicht mein eigenes Werk“ gewesen. „Bekehrung ist ein Geschenk der Gnade Gottes, und ich habe ihre verwandelnde Wirkung in meinem Leben gesehen. Gott ist es also letztlich, der mich zum katholischen Glauben geführt hat.“

Wie der Glaube verlorenging

Schmid wuchs, wie er sagt, „in einem frommen katholischen Haushalt“ auf und besuchte eine katholische Privatschule. In der siebten oder achten Klasse begannen dort die Zweifel, im Unterricht über die Evolution.

Er konnte einen allgütigen Gott nicht mit einem Vorgang zusammenbringen, bei dem „über Hunderte von Millionen Jahren Tiere einander in Stücke rissen und einfach litten und dahinsiechten“. Gegenüber EWTN News nannte er als ursprünglichen Anlass seines Abfalls „das Problem des evolutionären Tierleids“.

Dann kamen die Debatten im Internet, Sam Harris, Richard Dawkins. „Die Probleme für den Theismus und das Christentum häuften sich immer weiter, und schließlich verlor ich meinen Glauben.“ Eine Zeitlang war Schmid dann sogar Atheist.

Vor seinem letzten Schuljahr stieß er auf den Kanal „Worldview Design“ des christlichen Philosophen Josh Rasmussen. Dessen Argumente und die Kontingenzargumente Alexander Pruss‘ überzeugten ihn zwar nicht vom Glauben, nahmen ihm aber die Gewissheit des Atheisten. Aus dem Atheisten wurde ein Agnostiker. Seinen ganzen Weg zurück nannte Schmid später einen „mühsamen Bekehrungsprozess“, und er dauerte ein Jahrzehnt.

Das Argument, an dem die Philosophie derzeit nicht vorbeikommt

Der katholische Podcaster Matt Fradd fragte ihn in seinem Podcast „Pints With Aquinas“, wann der erste Dominostein gefallen sei. „Es war ein Argument für das Dasein Gottes, das Argument von der psychophysischen Harmonie“, antwortete er.

Verfasst haben es Brian Cutter von der University of Notre Dame und Dustin Crummett. Erschienen ist es 2025 in den Oxford Studies in Philosophy of Religion. Als er ihm zuerst begegnete, sagt Schmid, sei er sehr skeptisch gewesen.

Die beiden Philosophen führen den Gedanken am Schmerz vor, und man kann ihn sich an einer Hand am Feuer denken. Ein schädlicher Reiz löst einen bestimmten Zustand des Gehirns aus, der den Menschen den Reiz künftig meiden lässt. Passenderweise ordnen die psychophysischen Gesetze eben diesem Zustand die Erfahrung des Schmerzes zu, eine in sich schlechte Erfahrung, die von sich aus einen Grund gibt, ihr auszuweichen.

Das Erstaunliche daran ist nicht, dass es überhaupt einen Körperzustand gibt, der Schaden meldet und Ausweichen bewirkt. Dafür hält die Evolution eine geläufige Erklärung bereit. Erstaunlich ist, dass ausgerechnet das unangenehme Gefühl dazu passt, und auf die psychophysischen Gesetze hat die Evolution keinen Zugriff.

Ebenso trifft zu, was wir über unser Inneres sagen. Geben wir an, uns in einem bestimmten Zustand zu befinden, dann „sind wir es tatsächlich auch“.

Schmid selbst erklärt die Sache im Gespräch mit Fradd mit einem Bildschirm. „Stellen Sie sich einen Bildschirm vor und die Pixel darauf. Wenn sich zufällig auswürfeln ließe, welches Pixel welche Farbe zeigt, wie oft käme dabei ein stimmiges, geordnetes, verständliches Bild heraus? So gut wie nie.“

Mit dem Seelenleben verhalte es sich ebenso. Es hätte „ein wirres Durcheinander sein können, so etwas wie Bildrauschen, das bloß die mikrochemische Struktur unseres Gehirns nachzeichnet“. Unter den unzählig vielen denkbaren Zuordnungen von Empfindung und Körper führt nur ein verschwindend kleiner Teil zu einem Leben, in dem Vernunft, Beziehung, Tugend und Schönheit überhaupt möglich sind.

Schmid zieht daraus einen knappen Schluss. „Wir haben gewissermaßen den psychophysischen Hauptgewinn gezogen.“

Cutter und Crummett stellen ihr Argument selbst neben das bekannte Feinabstimmungsargument der Kosmologie. Einen Vorteil sehen sie darin, dass der übliche Einwand hier nicht greift. Gegen die Feinabstimmung der Naturkonstanten lässt sich ein Multiversum ins Feld führen, in dem unter zahllosen Welten eben auch eine lebensfreundliche vorkommt. Auf die Zuordnung von Seele und Leib lässt sich dieser Einwand nicht übertragen.

Schmid kennt diese Debatte von innen. Er hat selbst darüber gearbeitet und zitiert den Aufsatz von Cutter und Crummett in einer eigenen Studie, die in Philosophy and Phenomenological Research erscheint. Die Nachrichtenagentur CNA Deutsch hat das Argument Anfang September ausführlich dargestellt.

Von der Vernunft zu den Wundern

Bis hierher war Schmid beim Dasein Gottes angelangt, noch nicht bei der Kirche. Den zweiten Schritt führte er auf etwas anderes zurück.

Gegenüber EWTN News sprach er von einem „gewaltigen Zusammentreffen von Gründen“, das ihn „auf der Verstandesebene“ von der Wahrheit des katholischen Glaubens überzeugt habe. Obenan stünden dabei die „bestätigenden Wunder“, also „Wunder, die Gott zur Bekräftigung eigens katholischer Lehren gewirkt hat“. Er nannte die Charismen Pater Pios, die Heilungen in Lourdes, die Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fátima und die eucharistischen Wunder.

„Es sieht einfach so aus, als hätte sich das Universum verschworen, um es so aussehen zu lassen, als existiere Gott, als wirke Gott bestimmte Wunder, und nicht bloß Wunder, sondern Wunder, die eigens katholische Lehren zu bestätigen scheinen“, sagte er in seinem Video.

Im Februar dieses Jahres saß Schmid vier Stunden lang mit dem Apologeten Ethan Muse zusammen und ging die Belege für die Charismen des heiligen Pater Pio durch. Danach fiel die Entscheidung. „Ich war einfach nicht bereit, meine Seele auf nicht nur eine einzelne Verschwörung zu setzen, sondern auf eine Verschwörung von Verschwörungen.“

„Und so machte ich am Tag nach dem Gespräch mit Ethan Muse meine Gewissenserforschung, die ein Jahrzehnt meines Lebens fern vom Glauben umfasste, und am Tag darauf legte ich meine Generalbeichte ab. Gelobt sei Gott.“

Den Verstand allein lässt er dabei nicht gelten. In seinem Video nannte er den Vorgang einen „Höhepunkt“ aus „Gründen des Kopfes und Gründen des Herzens“. Die Gründe des Herzens kamen über die Heiligen, vor allem über die heilige Maria Goretti, die mit elf Jahren vierzehn Messerstiche empfing und ihrem Mörder noch im Sterben verzieh. Über sie sagte Schmid: „Und da denkt man sich: Hört zu, was immer sie hat, ich will auch davon.“

Was das Erste Vatikanische Konzil 1870 festhielt

Dass ein Mensch über das Nachdenken zu Gott findet, hat die Kirche feierlich definiert.

Am 24. April 1870 verabschiedete das Erste Vatikanische Konzil unter Papst Pius IX. die Dogmatische Konstitution Dei Filius. Es waren keine ruhigen Monate. Draußen zerfiel der Kirchenstaat, im September rückten die Truppen des italienischen Königs in Rom ein, und das Konzil musste seine Arbeit abbrechen.

Im 19. Jahrhundert spielten Rationalismus und Materialismus die Vernunft gegen den Glauben aus, und viele Gebildete hielten das eine für unvereinbar mit dem anderen.

Mitten in diese Lage hinein sprach das Konzil im zweiten Kapitel den Satz aus, den das Zweite Vatikanum später wörtlich übernahm: „daß Gott, aller Dinge Ursprung und Ziel, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen sicher erkannt werden kann“ (vgl. Röm 1,20).

Die Kirche hat das so ernst gemeint, dass sie die Gegenposition mit dem Kirchenbann belegte. Im zugehörigen Kanon (Denzinger 1806) heißt es in eigener Übersetzung: Wer sagt, der eine wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne durch das, was geschaffen ist, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft nicht sicher erkannt werden, der sei ausgeschlossen.

Die Vernunft ist nach katholischer Lehre also keine Gegnerin des Glaubens, sie ist eine Gabe desselben Schöpfers und führt, wenn man ihr redlich folgt, auf Ihn zu. Der heilige Paulus hatte es den Römern geschrieben, der heilige Thomas von Aquin hat es in seinen fünf Wegen entfaltet, und das Konzil von 1870 hat es gegen den Geist seiner Zeit festgeschrieben.

Einhundertsechsundfünfzig Jahre später geht ein junger Mann in Princeton genau diesen Weg. Er beginnt bei den Naturkonstanten, kommt über das Rätsel des Bewusstseins und endet im Beichtstuhl.

Ein Zeugnis, das weiterwirkt

Der bekannte Apologet aus den USA, Trent Horn, mit dem Schmid inzwischen ein zweistündiges Gespräch geführt hat, nannte ihn „einen meiner klügsten Kritiker“ und lobte seine Gründlichkeit ausdrücklich aus der Zeit, in der Schmid noch Agnostiker war. „Ich habe viel von dir gelernt in deinen Entgegnungen, und das hat mir auf meinem eigenen Weg geholfen und dabei, als Apologet und Philosoph zu wachsen“, sagte Horn zu ihm.

Das Aquinas Institute, die katholische Hochschulseelsorge in Princeton, bat die Gläubigen dort, „für Joe zu beten, während er in seinem katholischen Glauben weiter wächst und dieses neue Kapitel seines öffentlichen Wirkens beginnt“.

Schmid selbst will seinen Kanal fortführen, nun im Dienst der Kirche. „Debatten und Diskussionen werden weitergehen“, sagte er seinen Zuschauern und bat um Geduld während der Umstellung. „Und ich bitte auch um Ihr Gebet. Wissen Sie, dass ich für Sie beten werde.“

„Gott ist gut“, sagte er seinen Zuschauern.

Ein Jahrzehnt lang hat dieser junge Philosoph um die Frage nach Gott gerungen und die Argumente geprüft, um sie zu widerlegen. Am Ende hielten sie stand. Beten wir für Joseph Schmid, dass er in der Kirche die ganze Fülle findet, die ihm der Verstand versprochen hat, und dass viele seiner 55.000 Zuhörer denselben Weg gehen. Die Wahrheit hat es nicht nötig, sich vor der Vernunft zu fürchten.

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