26 Priester des Erzbistums München und Freising warten seit zehn Wochen vergeblich auf eine inhaltliche Antwort von Kardinal Reinhard Marx zu den von ihm angeordneten Segnungen homosexueller Verbindungen. Ihre Fragen berühren einen Widerspruch, den längst nicht nur eine ganze Bischofskonferenz, sondern auch prominente Kardinäle der Weltkirche öffentlich benannt haben: Wo endet die Segnung einer Person, und wo beginnt die Segnung einer Verbindung, die die Kirche so nicht anerkennen kann?
26 Priester des Erzbistums München und Freising haben Kardinal Reinhard Marx wegen der von ihm angeordneten Segnungen für homosexuelle Verbindungen und wiederverheiratete Geschiedene kritische Fragen gestellt. Zehn Wochen nach ihrem Brief vom 12. Mai haben die Unterzeichner noch immer keine inhaltliche Antwort erhalten, wie die katholische Wochenzeitung „Die Tagespost“ berichtete und CNA Deutsch aufgriff.
„Wie erklären wir den offenkundigen Widerspruch Ihrer Handreichung zu Fiducia supplicans, oder gilt Fiducia supplicans in unserer Erzdiözese nicht mehr?“, fragten die Priester in ihrem Schreiben. An anderer Stelle richteten sie eine noch grundsätzlichere Frage an den Kardinal: „Warum bitten Sie uns, gegen den wiederholt erklärten Willen des Heiligen Vaters zu handeln?“ Von den 26 Unterzeichnern stehen nur zwei bereits im Ruhestand, mehr als die Hälfte leitet einen Pfarrverband.
Am Ende ihres Briefes baten sie um Klärung: „Wir wünschen uns in echtem Dialog mit Ihnen eine Klärung, ob und wie die Lehre der Kirche in unserer Erzdiözese weiter in Einheit mit dieser gelehrt und gelebt werden soll.“ Sie schlossen mit den Worten: „Dankbar erwarten wir Ihre Klarstellungen, versprechen Ihnen unser Gebet und verbleiben mit freundlichem Gruß.“
Bereits am 10. April hatte Marx die Priester und hauptamtlichen Seelsorger des Erzbistums in einem internen Schreiben angewiesen, die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ als „Grundlage des seelsorglichen Handelns“ einzuführen. Wer eine Segnung aus Gewissensgründen nicht selbst vornehmen wolle, solle die Betroffenen an den Dekan oder einen anderen Seelsorger verweisen.
Da sie seit zehn Wochen keine inhaltliche Antwort erhalten haben, ziehen die Priester nun in Betracht, ihre Fragen als Dubia nach Rom zu schicken. Mögliche Adressaten sind das vatikanische Staatssekretariat, das Dikasterium für den Klerus und das Dikasterium für die Gesetzestexte.
Nicht nur München: Eine ganze Bischofskonferenz widersprach bereits 2024
Was die Münchner Priester in ihrem Brief in eigenen Worten benennen, hatte bereits im Januar 2024 eine ganze Bischofskonferenz eines anderen Kontinents mit Nachdruck ausgesprochen. Kaum war Fiducia supplicans am 18. Dezember 2023 veröffentlicht, meldete sich das Symposium der Bischofskonferenzen Afrikas und Madagaskars, kurz SECAM, zu Wort.
Kardinal Fridolin Ambongo Besungu von Kinshasa, Präsident von SECAM und Mitglied des Kardinalsrates von Papst Franziskus, unterzeichnete am 11. Januar 2024 eine Erklärung mit dem programmatischen Titel „Keine Segnung für homosexuelle Paare in den afrikanischen Kirchen“.
Die afrikanischen Bischöfe erklärten, die außerliturgischen Segnungen aus Fiducia supplicans könnten in Afrika nicht durchgeführt werden, ohne Skandal zu erregen. Sie betonten dabei ausdrücklich ihre Treue zu Papst Franziskus, dessen Zustimmung die Erklärung nach eigener Aussage sogar besaß, und formulierten dennoch klar: Wo zwei Menschen desselben Geschlechts in einer festen Verbindung leben, sei es kaum überzeugend zu vermitteln, dass mit einer Segnung nicht auch der Anschein einer Legitimität ihrer Verbindung entstehe.
Auch im Herzen der Weltkirche: Kardinäle widersprechen offen
Was die Münchner Priester vorsichtig in Fragen kleiden, haben auch Kardinäle schon 2024 mit deutlichen Worten ausgesprochen. Kardinal Robert Sarah, von 2014 bis 2021 Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, schrieb 2024 in einer Reflexion, man widersetze sich nicht dem Papst, wohl aber entschieden einer „Häresie, die die Kirche ernsthaft untergräbt“, weil sie dem katholischen Glauben und der Tradition widerspreche.
Man dürfe ihnen nicht weismachen, dass es gut und von Gott gewollt sei, im Gefängnis ihrer Sünde zu verharren. Von Menschen in einer Beziehung gegen die Natur sei einzig die Umkehr zu verlangen, „umzukehren und sich dem Wort Gottes anzupassen“.
Noch schärfer äußerte sich der em. Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, der am 23. Januar 2024 in einer Stellungnahme erklärte, Fiducia supplicans „stiftet Verwirrung“, und stellte offen die Frage, ob Kardinal Fernández als Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre zurücktreten oder abberufen werden müsse, sollte er mit dem Dokument eine schwere Sünde als „gut“ ausgeben und damit Häresie begehen. Fiducia supplicans, so Zen wörtlich, zeige „schwerwiegende Missachtung des bischöflichen Amtes“.
Dass eine ganze Bischofskonferenz aus einem gänzlich anderen kulturellen und kirchlichen Umfeld, zwei Kardinäle der Weltkirche und nun 26 Priester in Bayern dieselbe Unterscheidung so klar ziehen, zeigt: Hier handelt es sich um eine Frage, die die Weltkirche selbst umtreibt.
Kardinal Marx‘ anhaltendes Schweigen beantwortet diese Frage nicht, es lässt die Verwirrung, die Fiducia supplicans in Afrika, in Hongkong und in Guinea ausgelöst hatte, nun auch in München fortwirken.
Beten wir für Kardinal Marx und für alle Priester, die in dieser Frage um Klarheit und Treue zur Lehre der Kirche ringen.
