Fast drei Stunden lang hat Kristijan Aufiero, Gründer der Beratungsorganisation Pro Femina e.V. und dem Projekt 1000plus, dem YouTube-Kanal „Ketzer der Neuzeit“ erzählt, was in einer Schwangerschaftskonfliktberatung tatsächlich geschieht. Sein zentraler Befund widerspricht der ganzen deutschen Debatte: Die überwältigende Mehrheit dieser Frauen will keine Abtreibung. Und der Mensch, von dem ihre Entscheidung am meisten abhängt, ist der Mann an ihrer Seite.
Am 2. September erschien auf dem Kanal „Ketzer der Neuzeit“ von Leonard Jäger ein Gespräch von zwei Stunden und fünfzig Minuten unter dem Titel „Die Wahrheit über Abtreibung, die dir keiner erzählt (Abtreibungsberater)“. Gast war Kristijan Aufiero, Gründer und Geschäftsführer der 1000plus-Profemina gGmbH mit Sitz in München. Bis zum 10. September hatte das Video 88.000 Aufrufe.
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 106.455 Abtreibungen gemeldet. 96 Prozent von ihnen erfolgten nach der sogenannten Beratungsregelung, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Über die Gründe, die dahinterstehen, sagt die Statistik nichts.
Genau in diese Lücke spricht Aufiero. Seine Organisation hat in fünf Jahren über sechs Millionen Frauen erreicht, rund 830.000 digitale Sofortberatungen durchgeführt und über 24.000 Frauen persönlich begleitet.
Der Anruf, der ein Abtreibungstermin werden sollte
Aufiero beginnt mit einem Fall aus der Heidelberger Beratungsstelle. Eine Frau aus Berlin hatte im Internet nach einem Abtreibungstermin gesucht und die Nummer verwechselt.
„Wie, Abtreibungstermin? Eine Beratungsstelle? Ach so. Also nein, nein, wir bieten keine Abtreibung. Wenn ich Sie jetzt schon am Telefon habe: Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen, oder wollen Sie mal darüber reden? Und das Gespräch dauert dann zwei Stunden. Und dieses Kind lebt.“
Die Frau hatte eine Tochter aus einer früheren Beziehung, war einer Jugendliebe nach Berlin gefolgt und sah die Beziehung am Ende. Sie wollte abtreiben, sich trennen und zurückziehen. Die Beraterin fragte nicht nach ihrer Entscheidung, sondern nach dem Mann, nach den Abenden, die sie noch zusammen hatten, nach dem letzten Mal, als er ihr Lieblingsessen mitgebracht hatte.
„Dieses Kind lebt. Die haben sich versöhnt“, sagt Aufiero. Er war damals in der Beratungsstelle, das Gespräch führte die Beraterin Cornelia.
Was in einer Beratung tatsächlich geschieht
Das Beratungskonzept baut nach Aufieros Darstellung auf der Logotherapie Viktor Frankls auf und übernimmt Ansätze der systemischen Beratung. Über Schuld, über den Beginn des Lebens oder über spätere Reue wird in der Beratung nicht gesprochen.
„Prinzipiell ist unsere Beratung nicht daran orientiert, die Frau irgendwie aufzuklären, wann Leben beginnt oder welche moralische Dimension das besitzt“, sagt er. Was die Frauen bewegt, sind die Umstände: „dass der Freund das Kind nicht will, dass sie erstmal die Ausbildung abschließen wird, dass sie dem Kind nicht alles bieten kann.“
Die drei häufigsten Ursachen benennt er als Überlastung, als biographische Gründe („zu früh, zu spät, irgendwann ja, aber nicht jetzt“) und als fehlende Zustimmung des Partners. Danach wird gerechnet. Wie viel Elterngeld, wie viel Kindergeld, welcher Anspruch auf Wohngeld, was fehlt am Monatsende wirklich.
An dieser Stelle wird aus Beratung Hilfe. 1000plus vergibt Erstausstattungen, Sachspenden aus dem Heidelberger Lager, zinslose Kredite und monatliche Zuschüsse von 300 oder 400 Euro in den ersten zwei Jahren. „Für 300 Euro im Monat, zwölf mal oder auch 24 mal, lassen wir kein Kind sterben“, fasst Aufiero die Haltung der Spender zusammen.
Werden im Beratungsprozess Alternativen erarbeitet, entscheiden sich nach Aufieros Angaben zwei Drittel der ursprünglich zu einer Abtreibung neigenden Frauen für ihr Kind.
„Nichts ist wichtiger als der Mann“
Den Vorwurf, Männer hätten über Abtreibung nicht zu reden, hält Aufiero für „das größte Fake-Argument von allen und das größte respektlose Argument gegenüber Frauen“.
„Was die Frau sich wünscht, ist ein Mann, der sagt: ‚Ich stehe zu dir, ich unterstütze dich, lass uns dieses Kind bekommen, wir schaffen das, ich liebe dich und ich will meine Zukunft mit dir verbringen.‘ Ein fundamentales, klares, bedingungsloses Ja. Das ist das größte Geschenk, was ein Mann einer Frau machen kann. Nicht zu sagen: Ich halte mich raus.“
Den Rückzug in die Neutralität nennt er „unterlassene Hilfeleistung“. Einer Frau zu sagen, man wolle ihr Kind nicht, sei „die größte Kränkung, die es gibt“.
Die Kirche hat das lange vor jedem Podcast ausgesprochen. In der Enzyklika Evangelium vitae vom 25. März 1995 schreibt Johannes Paul II. in Nr. 59 über die Verantwortung des Vaters. Schuldig sein könne er „nicht nur, wenn er die Frau ausdrücklich zur Abtreibung drängt, sondern auch, wenn er ihre Entscheidung dadurch indirekt begünstigt, daß er sie mit den Problemen der Schwangerschaft allein läßt“. Auf diese Weise werde die Familie „tödlich verletzt und in ihrem Wesen als Liebesgemeinschaft und in ihrer Berufung, ‚Heiligtum des Lebens‘ zu sein, entwürdigt“.
Nur 15 Prozent der beratenen Frauen sind verheiratet
Die härteste Zahl des Gesprächs betrifft nicht die Ehe. „Von allen Frauen, die wir beraten, sind nur 15 Prozent verheiratet. 85 Prozent sind nicht in dauerhaften, stabilen Beziehungen“, sagt Aufiero. Sein Schluss: „Eine dauerhafte, stabile Beziehung ist die Lösung für Schwangerschaftskonflikte.“
Leonard Jäger hält ihm dazu ein Bild vor, das im Netz kursiert. Jemand hatte gefordert, wer die Abtreibung erschweren wolle, müsse auch verhindern, dass der Mann bei einer Schwangerschaft einfach verschwindet. Darunter stand: „Hey, herzlichen Glückwunsch, du hast gerade die Ehe erfunden.“
Aufiero führt den Gedanken weiter. „Wenn Männer und Frauen sich in diesem Land bewusst machen würden, ich schlafe nur mit jemandem, mit dem ich prinzipiell bereit bin, auch eine Familie zu gründen, um ein Leben zu verbringen, dann gibt es keine Schwangerschaftskonflikte mehr.“
Warum 1000plus keine Beratungsscheine ausstellt
Eine Abtreibung bleibt in Deutschland nach § 218 StGB mit Strafe bedroht. Sie wird nach der Beratungsregelung nur dann nicht verfolgt, wenn die Frau eine Bescheinigung einer staatlich anerkannten Beratungsstelle vorlegt. Genau diese Bescheinigung stellt 1000plus nicht aus.
„Wir müssten der Frau ein Zertifikat geben, das sie berechtigt und ihr ermöglicht, zu einer Abtreibung zu gehen. Und unsere Position ist ganz klar: Abtreibung ist niemals eine gute Lösung, unter keinen Umständen. Wir kämpfen für das Leben, und deswegen partizipieren wir nicht an der Tötung eines ungeborenen Kindes.“
Der Preis dafür ist hoch. In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 2019 wurde die im August desselben Jahres eröffnete Berliner Beratungsstelle am Kurfürstendamm 69 angegriffen: Fensterscheiben zerschlagen, Wände und Boden mit „Pro Choice!“ beschmiert, Teppiche verätzt, das Türschloss verklebt. Linksextreme bekannten sich auf der Plattform Indymedia; die Beratung des Vereins sei „manipulativ und keinesfalls ergebnisoffen“.
Drei Wochen später, am 26. Oktober 2019, verabschiedete der Landesparteitag der Berliner SPD einstimmig einen Antrag, der den Senat aufforderte, die Tätigkeit der Organisation in Berlin zu untersagen. Der Senat setzte das nicht um. Weitere Farbanschläge trafen die Münchner Niederlassung im November 2020 und im Oktober 2021.
Berlin blieb dennoch der gewählte Ort. „Eigentlich ist Berlin ja der beste Ort, weil Berlin die mit Abstand höchsten Abtreibungszahlen bundesweit hat“, sagt Aufiero. „Deswegen sind wir hergekommen, weil hier die Not und die Verzweiflung von Frauen im Schwangerschaftskonflikt am größten und am verbreitetsten ist. […] Aber politisch gesehen ist uns nirgendwo so viel Hass entgegengeschlagen wie hier.“
Was die Christen im römischen Reich anders machten
Im letzten Drittel des Gesprächs kommen Jäger und Aufiero auf die Alte Kirche. Beide wissen, warum. Die Frage, was mit einem unerwünschten Kind geschieht, ist keine Erfindung der Moderne, und die christliche Antwort darauf ist älter als jedes Verfassungsgericht.
Im römischen Reich war die Aussetzung Neugeborener nichts Verbotenes. Ein Vater konnte das Kind annehmen oder es an einer Straße, an einem Tempel, auf einem Misthaufen ablegen. Wer es dort aufhob, konnte es als Sklaven aufziehen. Die Abtreibung mit Kräutern und Instrumenten gehörte zum Alltag der Städte.
Die Christen taten von Anfang an das Unerhörte. Sie hoben die Kinder auf, und sie sagten laut, was das Reich um sie herum Böses tat. Die Didache, jene Gemeindeordnung aus dem ersten christlichen Jahrhundert, kennt kein Ausweichen: „Du sollst […] nicht abtreiben noch ein Neugeborenes töten.“
Aufiero sieht seine Arbeit in dieser Linie, und er weiß, dass sie damals Leben kostete. „Es ist ja nicht so, dass die die Kinder aufgesammelt haben und die gesagt haben, na ja, gut, dann kümmern die sich halt drum.“ Am Ende hat das römische Reich nachgegeben, nicht die Kirche.
Der Katechismus fasst diese ungebrochene Linie in einem Satz zusammen, der keine Auslegung braucht. „Seit dem ersten Jahrhundert hat die Kirche es für moralisch verwerflich erklärt, eine Abtreibung herbeizuführen. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich“ (Nr. 2271). Wer eine Abtreibung vornimmt, zieht sich nach can. 1397 § 2 CIC mit erfolgter Ausführung die Tatstrafe der Exkommunikation zu, und zwar von selbst durch das Begehen der Tat.
„Das kann nur Gott heilen“
Auf die Frage, wie man mit einer Frau spricht, die eine Abtreibung hinter sich hat und daran leidet, antwortet Aufiero: „Da gibt es nur die Versöhnung mit Gott. Ich habe noch keine Methode gesehen, um Frauen, die an einer Abtreibung leiden, zu helfen ohne Gott, ohne Glaube, ohne Vergebung, ohne Schuld, ohne Sühne. […] Das kann nur Gott heilen, das können keine Ärzte, auch keine Psychotherapeuten.“
Der Weg dorthin führt nach seiner Erfahrung über „ein restloses Anerkennen meiner eigenen Verantwortung, meiner Schuld und dann die Bitte um Vergebung“. Seine praktische Empfehlung ist die Seelsorge, und zwar ohne konfessionelle Bedingung: „Ich kann nur jeden bitten und ermuntern, da Seelsorge zu suchen.“
In der Beratung selbst kommt der Glaube fast nie zur Sprache. „Der Glaube spielt im Beratungsgespräch mit der Frau nur sehr selten eine Rolle“, sagt Aufiero. „Trotzdem ist der Glaube unser Fundament, von dem aus wir agieren. Es ist unser Glaube, der uns sagt: Diese Frau ist unendlich kostbar.“ Der tiefste Kern der Beratung bestehe darin, „der Frau deutlich zu machen, dass sie ein von Gott geliebtes Geschöpf ist“. An anderer Stelle wird er grundsätzlich: „Man kann nicht Christ sein und Abtreibung befürworten.“
Beten wir für diese Frauen, für die Männer, die sie allein lassen, und für die Beraterinnen, die am Telefon sitzen. Und beten wir den Rosenkranz für jene, die die überlieferte Wahrheit über das ungeborene Kind heute am lautesten verteidigen.
