Was im Frühjahr 2026 als Sorge einiger Eltern begann, ist zu einer Bewegung mit über 200 Mitgliedern angewachsen: Eltern, Ärzte, Juristen und Pädagogen im Erzbistum Hamburg wehren sich gegen ein Rahmenkonzept zur sexuellen Bildung, das nach ihrer Überzeugung Kinder in schwerwiegender Weise gefährdet. Das Erzbistum schweigt inzwischen ganz.
Das „Elternnetzwerk Kinderschutz und Prävention“ an den katholischen Schulen des Erzbistums Hamburg wächst weiter. Was mit einem Informationsabend für 80 Teilnehmer begann, ist nach Angaben der Netzwerk-Sprecherin Varinia Arauco Vera inzwischen auf „weit über 200 Personen“ angewachsen, darunter Eltern, Pädagogen, Ärzte, Juristen, Journalisten und Vertreter von Vereinen. Im Gespräch mit CNA Deutsch zog Arauco Vera nun Bilanz über den seit Monaten schwelenden Konflikt.
Auslöser ist das Dokument „Männlich, weiblich, divers: Rahmenkonzept für Sexuelle Bildung an den katholischen Schulen im Erzbistum Hamburg“, das Generalvikar Pater Sascha-Philipp Geißler SAC am 4. Juni 2025 in Kraft setzte.
Ab dem kommenden Schuljahr 2026/27 sollen alle katholischen Schulen des Erzbistums einen eigenen Lehrplan auf dieser Grundlage umsetzen, fächerübergreifend von der ersten Klasse bis zum Abitur.
In seinem Grußwort zu dem Konzept schrieb Geißler: „Wir treten ein für die Akzeptanz von Vielfalt hinsichtlich sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identität.“ Das Konzept stützt sich wesentlich auf den Sexualwissenschaftler Uwe Sielert und versteht Sexualität als „allgemeine Lebensenergie“.
Für die Eltern des Netzwerks ist das keine Randnotiz, sondern der Kern des Problems. In ihrem Brief vom 25. Februar an den Hamburger Erzbischof Stefan Heße warfen sie dem Konzept eine „gezielte Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen“ vor und schrieben ihm unmissverständlich: „Herr Erzbischof Heße, wir lehnen Ihr Rahmenkonzept zur sexuellen Bildung aus verschiedenen Gründen entschieden ab. Nicht nur, weil es der Lehre der Kirche widerspricht, sondern weil unsere Kinder in schwerwiegender Weise dadurch geschädigt werden.“
Besonders schwer wiegt für die Eltern, dass sich das Konzept auf „die irrige Lehre der Frühsexualisierung von Uwe Sielert, einem Schüler des pädokriminellen Vergewaltigers Helmut Kentler“ stütze.
Zwei persönliche Treffen zwischen Elternvertretern und dem Erzbistum, im Dezember 2025 und im Februar 2026, brachten keine Einigung. Laut dem Gesprächsprotokoll der Elternvertreter erklärte Abteilungsleiter Christopher Haep, das Rahmenkonzept sei gemäß den Vorgaben der DBK-Handreichung „Geschaffen, erlöst und geliebt“ verfasst worden.
„Leider wurde uns im zweiten Treffen deutlich gemacht, dass keine wirkliche Bereitschaft besteht, die problematischen Punkte des Rahmenkonzepts zu ändern“, schrieben die Eltern danach an Erzbischof Heße.
Auf Anfrage von CNA Deutsch hatte der Sprecher der Abteilung Schule und Hochschule, Christoph Schommer, zuvor erklärt, man sei „als Schulträger im regelmäßigen und intensiven Austausch mit Eltern sowie Elternvertretungen“, und betonte: „Aber selbstverständlich setzen wir uns auch mit kritischen Stimmen konstruktiv auseinander.“
Nicht der erste Protest gegen dieselbe Handreichung
Dass sich das Hamburger Rahmenkonzept ausgerechnet auf „Geschaffen, erlöst und geliebt“ beruft, ist bezeichnend. Genau gegen dieses Dokument der Deutschen Bischofskonferenz regte sich seit Monaten bundesweiter Widerstand von Gläubigen.
Certamen hatte bereits 28.000 Unterschriften für die Rücknahme der Handreichung gesammelt und diese am 22. März in Dresden an Bischof Heinrich Timmerevers übergeben, der als Vorsitzender der DBK-Kommission für Erziehung und Schule für das umstrittene Papier maßgeblich verantwortlich zeichnet.
Daniel Hager, erster Vorsitzender von Certamen, erklärte damals: „Wir treten hier nicht als Rebellen auf, sondern als treue Söhne der Kirche, denen angesichts der aktuellen Entwicklungen das Herz blutet.“
Neben den Unterschriften übermittelte die Initiative Bischof Timmerevers fünf lehramtliche Fragen, unter anderem zum Verhältnis von Schöpfungsordnung und Gender-Definition sowie zum Erziehungsrecht der Eltern, ihre Kinder frei von Genderideologie zu erziehen.
Bereits zuvor an den Bischof gerichtet, blieben auch diese Fragen unbeantwortet. Was sich jetzt in Hamburg zeigt, ist damit kein isoliertes Problem einer einzelnen Diözese, sondern die praktische Folge eines Dokuments, gegen das schon Zehntausende Gläubige protestiert haben, ohne bislang gehört worden zu sein.
Weil der Dialog mit dem Erzbistum aus Sicht der Eltern ins Leere lief, suchten sie den Weg nach Rom. Am 27. Februar trafen zwei Vertreter des Netzwerks den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, persönlich in der Nuntiatur in Berlin und übergaben Schreiben an mehrere Dikasterien der Römischen Kurie, darunter das Dikasterium für die Glaubenslehre.
Am 9. März wandte sich das Netzwerk zudem an den neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer SCJ, und forderte den „Rückzug und eine umfassende Bearbeitung“ sowohl der DBK-Handreichung als auch des Hamburger Rahmenkonzepts.
Seither, so schildert es Netzwerk-Sprecherin Arauco Vera im Juli 2026, herrscht auf Seiten des Erzbistums und der Bischofskonferenz Schweigen: „Auf Seiten des Erzbistums beziehungsweise der Bischofskonferenz hat sich aus unserer Sicht bislang nichts nachweisbares getan. Auf unsere Anfragen zu Ziel, Inhalt und Form der Umsetzung des Rahmenkonzepts wird mittlerweile nicht mehr reagiert, auch nicht von den Schulleitungen.“
Aus Sicht auf das Verwaltungsrecht spezialisierter Juristen verstoßen die Schulen damit gegen das eigene Diözesane Schulgesetz, das eine vorherige Information der Eltern über Ziel, Inhalt und Form der sexuellen Bildung vorschreibt.
„Die nach außen durch das Erzbistum behauptete Dialogoffenheit gilt nur als Aushängeschild“, so Arauco Vera. „Praktiziert wird gegenüber Eltern, die sich wegen des aus deren Sicht kindeswohlgefährdenden Rahmenkonzepts massiv um ihre Kinder sorgen, das Gegenteil.“
Das Netzwerk selbst wächst dennoch weiter und liest darin ein größeres Muster. „Nach und nach zeigt sich das Lagebild, dass es sich nicht um ein isoliertes Problem handelt, sondern um eine strukturelle Entwicklung“, erklärt Arauco Vera. „Themen wie Frühsexualisierung und Identitätspolitik werden durch eine Vielzahl von Akteuren und Stellen vorangetrieben.“
Zu konkreten weiteren Planungen wollte sich die Sprecherin nicht im Einzelnen äußern, rief aber alle betroffenen Eltern in Hamburg, in Deutschland und im gesamten deutschsprachigen Raum dazu auf, sich ebenfalls an den Nuntius, die zuständigen Dikasterien in Rom und den Heiligen Vater zu wenden.
Ihr Ziel bleibt klar umrissen: „Das Erzbistum hat einen großen Fehler gemacht und das Vertrauen vieler Eltern verloren. Das Rahmenkonzept muss zurückgenommen werden. […] An unseren Schulen ist kein Platz für kindeswohlgefährdende Frühsexualisierung und identitätspolitischen Aktivismus.“
Die Kirche und das Recht der Eltern
Die katholische Lehre stellt seit jeher einen Grundsatz an den Anfang jeder Erziehungsfrage: Eltern sind die ersten und wichtigsten Erzieher ihrer Kinder, ein Recht, das ihnen von Gott selbst gegeben ist und das keine Schulbehörde und kein Lehrplan ersetzen oder übergehen darf. Genau dieses Recht sehen die Hamburger Eltern verletzt, wenn ein Rahmenkonzept ohne wirkliche Mitsprache über ihre Kinder verfügt.
Gleichzeitig ist es skandalös, dass eine katholische Schule die Konzepte der Frühsexualisierung von Uwe Sielert unkritisch übernimmt und damit die Seelen der Kinder verwirrt.
Dass sich in wenigen Monaten aus 80 besorgten Teilnehmern eines Informationsabends ein Netzwerk von über 200 Eltern, Ärzten, Juristen und Pädagogen entwickelt hat, ist selbst ein Zeugnis: Wo Hirten schweigen, erheben Eltern ihre Stimme für ihre Kinder.
Möge die Muttergottes, unter deren Schutz jede christliche Familie steht, diesen Eltern Beharrlichkeit schenken und die Verantwortlichen im Erzbistum Hamburg zur Umkehr bewegen.
