Ein Dienst an der Kirche in stürmischer Zeit
Die Ankündigung neuer Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. hat in der katholischen Welt erneut die Frage nach der Einheit, der Autorität und der Bewahrung des Glaubensschatzes aufgeworfen. Für Gläubige, die in der überlieferten Liturgie ihre geistige Heimat gefunden haben, geht es dabei um weit mehr als um kirchenrechtliche Formalitäten. Es geht um das Überleben einer authentischen Priesterausbildung und die ungekürzte Weitergabe des katholischen Glaubens.
Die Entscheidung der Priesterbruderschaft, neue Weihbischöfe zu konsekrieren, gründet auf der festen Überzeugung, dass sich die Kirche in einem beispiellosen Notstand befindet. Aus Sicht der Bruderschaft ist der Zugang der Gläubigen zu den Sakramenten und zur unverfälschten Lehre existenziell gefährdet, wenn nicht für den Fortbestand eines wahrhaft katholischen Episkopats gesorgt wird. Das Argument greift dabei auf das fundamentale Prinzip der Salus animarum zurück – das Heil der Seelen als oberstes Gesetz der Kirche. In einer Zeit, in der die priesterliche Identität vielerorts schwindet, sieht die FSSPX in diesen Weihen eine notwendige Maßnahme der Liebe zur Kirche, um die Überlieferung für kommende Generationen sicherzustellen.
Demgegenüber steht die aktuelle Haltung Roms, die maßgeblich durch das Dikasterium für die Glaubenslehre unter Kardinal Victor Manuel „Tucho“ Fernández geprägt ist. In den jüngsten Gesprächen wurde deutlich, dass der Heilige Stuhl eine kanonische Anerkennung strikt an die vollständige Akzeptanz der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils und des aktuellen Lehramtes knüpft. Kardinal Fernández betonte wiederholt, dass eine pastorale Großzügigkeit nicht ohne eine bedingungslose lehramtliche Unterordnung möglich sei. Während Rom auf administrativen Gehorsam pocht, sieht die Bruderschaft im Festhalten an der Tradition die einzige Möglichkeit, dem Kernauftrag der Kirche treu zu bleiben.
Weihbischof Athanasius Schneider, dessen Stimme in Fragen der lehramtlichen Klarheit weltweit Gehör findet, hat zu dieser Situation bereits mehrfach Stellung bezogen. Sein Ansatz ist geprägt von tiefer Liebe zur Kirche und dem Wunsch nach einer organischen Lösung, die die kanonischen Hürden überwindet, ohne die theologische Wahrheit zu opfern. Er schlägt eine Brücke, die an die historischen Ereignisse von 1988 erinnert, aber gleichzeitig den Blick nach vorne richtet: auf ein Apostolisches Mandat, das den Dienst der Bruderschaft im Herzen der Kirche legitimiert.
In folgenden kurzen Gespräch mit Certamen erläutert der Weihbischof, warum die Anerkennung der Tradition kein Akt des Ungehorsams, sondern höchste Treue gegenüber Christus ist. Er analysiert dabei messerscharf die Fehlentwicklungen in der Interpretation des päpstlichen Amtes und ruft dazu auf, die „Schönheit der Heiligkeit“ über die Zwänge einer rein administrativen Einheit zu stellen.
Certamen: Exzellenz, In Ihrem Appell rufen Sie Papst Leo XIV auf, der Priesterbruderschaft St. Pius X. das Apostolische Mandat für die Bischofsweihen zu erteilen, noch vor Abschluss von doktrinären Gesprächen. Wie würde ein konkreter erster Schritt Ihres Erachtens aussehen?
Weihbischof Schneider: Zunächst sollte die Leitung der Piusbruderschaft, ungeachtet ihrer noch nicht gelösten kanonischen Situation, Papst Leo XIV um die Gewährung des Apostolischen Mandats für die Bischofsweihen bitten mit der Überreichung des Dossiers der Kandidaten, genauso wie es 1988 Erzbischof Lefebvre getan hat. Gleichzeitig sollte der Generalobere der Bruderschaft sowie die Kandidaten die traditionelle und bis 1967 gültige Professio Fidei (Tridentino-Vaticana) unterzeichnen und sie dem Papst zukommen lassen. Ferner sollten sie auch eine kurze Erklärung schreiben, in welcher sie Papst Leo XIV anerkennen und den Wunsch ausdrücken, durch das Apostolat der Bruderschaft der Kirche ihren Dienst anzubieten, indem sie den traditionellen Glauben und die traditionelle Liturgie bewahrt und weitergibt, vor allem durch eine Priesterausbildung und ein sakramentales und pastorales Leben der Gläubigen in der bewährten Form, so wie es die Römische Kirche stets über Jahrhunderte gefordert und getan hat, und dass die Priesterbruderschaft keine andere Intention hat, als ihre Bischöfe, Priester und Gläubigen zu wahren Kindern der Römischen Kirche zu machen.
Certamen: Sie sind einer der wenigen Bischöfe, die sich öffentlich und klar für die Priesterbruderschaft St. Pius X. aussprechen. Wo bleibt die Solidarität Ihrer Mitbrüder? Selbst Bischöfe, die als konservativ gelten und den außerordentlichen Ritus schätzen, schweigen, oder finden keine guten Worte für die Bruderschaft. Wie erklären Sie sich das?
Weihbischof Schneider: Das hängt von mehreren Faktoren ab. In den letzten Jahrhunderten verbreitete sich eine falsche und anti-traditionelle Interpretation von zwei Dogmen des I. Vatikanischen Konzils: nämlich des Dogmas des päpstlichen Jurisdiktionsprimates (Leitungsgewalt) und jener der päpstlichen Unfehlbarkeit. Es entwickelte sich ein sogenannter Papalismus, d.h. eine Verabsolutierung oder sogar eine Art Vergöttlichung der Person des Papstes, wonach der Papst der Dreh- und Angelpunkt des gesamten kirchlichen Lebens geworden ist mit der Folge einer Verdunklung der Zentralität Christi und der Traditionsgebundenheit des Glaubens und der Liturgie. In solch einer exzessiven Sicht des Papstamtes wird jeder Ungehorsam gegenüber einer päpstlichen Anordnung als Schisma betrachtet. Ferner verbreitete sich immer mehr eine falsche Vorstellung der päpstlichen Unfehlbarkeit. Entgegen der klaren und sehr enggefassten Bedingungen für die päpstliche Unfehlbarkeit, welche das I. Vatikanische Konzil aufgestellt hat, entstand im Bewusstsein der Gläubigen und Hirten eine Verabsolutierung der päpstlichen Unfehlbarkeit, d.h. dass man jede Äußerung des Papstes de facto als irrtumslos betrachtet. Ferner entwickelte sich ein reduktives, zu enges Verständnis von Schisma, wonach jegliche kanonisch irreguläre Situation, unabhängig von den Absichten und konkreten Umständen und unabhängig davon, dass die Personen in solchen Situationen den Papst öffentlich anerkennen und für ihn und den Ortsbischof im Kanon der Messe beten, mit Schisma gleichgesetzt wird. Des Weiteren wird eine entgegen dem Willen des Papstes vollzogene, also eine unerlaubte Bischofsweihe, automatisch als ein Akt des Schismas oder sogar als ein in sich schlechter Akt bezeichnet. Solch eine Ansicht widerspricht allerdings der beständigen kanonischen Überlieferung der Kirche. Bis zum neuen Kodex des Kirchenrechts von 1983 war eine unerlaubte Bischofsweihe nicht mit Exkommunikation, sondern lediglich mit Suspension (Amtsenthebung) bestraft. Sogar im geltenden Kirchenrecht wird solch eine Bischofsweihe nicht unter der Rubrik der Akte gegen die Kircheneinheit, sondern unter der Rubrik der Akte der Amtsanmaßung oder der Sakramentenordnung aufgezählt. Allgemein entstand in den letzten Jahrhunderten in der Kirche eine Haltung der Verabsolutierung des Rechtspositivismus, d.h. eine von Menschen gesetzte Norm, in diesem Fall von der kirchlichen Autorität. Danach wird im Leben der Kirche die Beobachtung einer kirchlichen Norm de facto über die Notwendigkeit der Bewahrung der lehrmäßigen Klarheit und Unzweideutigkeit des katholischen Glaubens und der Liturgie gesetzt.
Certamen: Sie äußerten in einem Interview den Verdacht, dass einflussreiche Kreise im Vatikan eine Versöhnung gar nicht wollen. Was bräuchte es, damit Papst Leo XIV sich über diese Widerstände hinwegsetzt, und glauben Sie, dass er den Willen dazu hat?
Weihbischof Schneider: Der Papst hat die volle und uneingeschränkte Leitungsgewalt und ist in seinen Entscheidungen souverän und kann deshalb selbstverständlich auch gegen die befragte Meinung der Mitarbeiter der Römischen Kurie handeln. Würde er sich immer von der Meinung seiner Mitarbeiter abhängig machen, wäre er nicht frei und würde eigentlich nicht als wahrer Papst handeln. Der Papst soll über den Parteien stehen und als wahrer Hirte und Vater aller seiner Schafe handeln, zu denen auch der Klerus und die Gläubigen der Piusbruderschaft gehören.
Certamen: Was würde es für die Hunderttausenden Gläubigen der FSSPX bedeuten (für Familien, Kinder, Konvertiten, usw.) wenn am 1. Juli die Weihen ohne päpstliches Mandat vollzogen werden? Welche seelsorgliche Realität droht hier?
Weihbischof Schneider: Falls der Papst das Apostolische Mandat nicht gewährt und dann sogar die unerlaubten Bischofsweihen formell mit der Exkommunikation bestraft, wären genau genommen nur die weihenden und die geweihten Bischöfe vom Recht her, also dem Buchstaben nach, exkommuniziert, nicht jedoch die Priester und Gläubigen der Bruderschaft. Die seelsorgliche Realität würde sehr wahrscheinlich so weitergehen, wie sie bis jetzt war. Es kann auch sein, dass durch die wahrhaft weltweite Bekanntheit und starke mediale Propagierung dieses Ereignisses noch mehr neue Gläubigen und Konvertiten zur Bruderschaft kommen, vor allem wenn die enorme Glaubenskrise, also der wahre Notstand in der Kirche von heute, vor aller Augen immer mehr wachsen wird. Momentan gibt es keine überzeugenden Anzeichen dafür, dass die Krise und der Notstand in der Kirche abnehmen.
Certamen: Die Krise verschärft sich zusehends, die Krise ist noch offensichtlicher als 1988: Wie sehen Sie die Aussichten für die Zukunft? Wie weit kann diese Eskalation zwischen dem Vatikan und der Priesterbruderschaft noch gehen, und was wäre das schlimmste denkbare Szenario für die Kirche?
Weihbischof Schneider: Man erlebt täglich ein unglaubliches, apokalyptisch anmutendes Szenario: offene Propagierung von Häresien, Legitimierung der Homosexualität, d.h. der Sodomie, religiöser Synkretismus (heidnische Rituale), Indifferentismus (alle Religionen sind gleiche Wege zu Gott), Unterminierung der apostolischen Disziplin der Kirche in den Sakramenten und des priesterlichen Zölibats, Sakrilegien und Glaubensabfall. Das alles wird unbestrafter Weise gefördert und sogar betätigt von Bischöfen und Kardinälen an verschiedenen Orten der Welt. In dieser Situation kann nur ein göttliches Eingreifen helfen, wie z.B. durch eine massive Verfolgung der Kirche und der Person des Papstes selber seitens politischer antichristlicher Welteliten. Es kann aber auch eine gnadenhafte tiefe Bekehrung des Papstes zur Tradition und zum apostolischen Mut sein, als Frucht der Gebete und Opfer unzähliger Gläubiger, vor allem der sogenannten „Kleinen“ in der Kirche. Eines steht fest: die Kirche ist immer in den allmächtigen Händen Gottes und Christus ist der Steuermann des Schiffes der Kirche, auch wenn er augenblicklich im Boot schläft, währenddessen es von heftigen Stürmen gepeitscht wird, und das Kreischen mancher morscher Bootsplanken anscheinend den nahen Schiffbruch ankündigen, wie es seinerzeit der heilige Papst Gregor der Große formuliert hat. Wir glauben fest: auch dieses Mal wird sich Christus erheben und dem Sturm gebieten, und die heilige Römische Kirche, unsere Mutter, wird wieder der Leuchtturm und die Kathedra der Wahrheit.
