Klima-Andachten, Segensfeiern, Harry-Potter-Gottesdienste: Sylvia und Alfred Sobel haben ein Sündenregister der Kirche in Deutschland geschrieben, mit einem Beitrag von Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Es ist ein mutiges, gründlich belegtes Buch, das jeder lesen sollte, dem die Kirche am Herzen liegt. Ihm fehlt allein der Blick nach Rom, wo die Weichen für diese Entwicklung gestellt wurden.
„Die Kirche schafft sich ab. Die Katholische Kirche auf Abwegen“ heißt das Buch, das Sylvia und Alfred Sobel in diesem Jahr im Gerhard Hess Verlag herausgebracht haben. Auf 139 Seiten und in 18 Kapiteln, belegt mit 89 Fußnoten, sammeln die beiden Berliner Autoren, was in deutschen Bistümern seit 2020 gepredigt, gefeiert und beschlossen wurde. Den Schluss bildet ein Aufsatz von Gerhard Kardinal Müller, dem früheren Präfekten der Glaubenskongregation, über den „Aus-Weg aus der deutschen Kirchenkrise“.
Sylvia Sobel trat vor über zehn Jahren vom Luthertum zur katholischen Kirche über. Einer der Gründe war nach eigenem Bekunden die „politisierende und stark linkslastige Tendenz“ der evangelischen Kirche. Das Buch erzählt, wie sie dieselbe Tendenz in ihrer neuen geistlichen Heimat wiederfand.
Kein Hosianna für Querdenker
Gebhard Fürst, damals Bischof von Rottenburg-Stuttgart, erklärte am 28. November 2021 in einem ökumenischen Gottesdienst, „Querdenkern könne das Hosianna nicht gelten“. Elmar Gurk, früher Ordinariatsrat in Fulda, äußerte am 13. Juli 2021: „Die Spendung der Krankenkommunion kann nur erfolgen, wenn sowohl der Spender, als auch der Empfänger vollständig geimpft sind.“
Der Jesuit Jörg Alt klebte sich im August 2022 in Nürnberg auf die Fahrbahn. Im Oktober 2025 ließ der Münchner Generalvikar den Liebfrauendom in den Farben der bayerischen Klimastreifen anstrahlen. Am 15. Mai 2025 jonglierten Tänzer im Altarraum des Paderborner Doms mit Tiefkühlhähnchen in Windeln, vor den Augen des Bundespräsidenten und des Erzbischofs.
In der Christmette 2025, live im Fernsehen übertragen, lag in der Krippe von Sankt Maria in Stuttgart ein erwachsener Mann, in nasses Reispapier gehüllt. Über 1400 Protestmails erreichten den Sender.
Auch die Handreichung der Bischofskonferenz „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ kommt vor, samt der Distanzierung der Bischöfe Stefan Oster, Rudolf Voderholzer und Rainer Maria Woelki. Gegen dasselbe Papier hat Certamen 45.000 Unterschriften gesammelt und sie am 22. März in Dresden Bischof Heinrich Timmerevers übergeben.
Manches hat Sylvia Sobel selbst erlebt. Als in vielen Pfarreien nur Geimpfte und Genesene zur Messe durften, fand sie offene Türen bei der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) und beim Institut St. Philipp Neri in Berlin.
„Als kerngesunde ‚Ungeimpfte‘ war die Autorin dort jederzeit willkommen, um in dieser Zeit der Unruhe und Verunsicherung Trost und Stärkung durch das Wort Gottes und die Sakramente zu erfahren. Deo gratias!“
Wer draußen bleiben musste
Das Corona-Kapitel trifft einen wunden Punkt. Die Kirchen hätten die Menschen in der Pandemie alleingelassen, Ungeimpfte ausgegrenzt und „Menschen einsam und ohne Sterbesakramente sterben lassen“, schreiben die Autoren. Bis auf Osnabrück und Regensburg dispensierten alle deutschen Bistümer ihre Gläubigen von der Sonntagspflicht.
Die Überlieferung der Kirche gibt den Autoren recht. Das Konzil von Trient erinnert daran, dass die Kirche die heilige Eucharistie seit ältester Zeit eigens aufbewahrt, um sie den Kranken zu bringen (13. Sitzung, Kap. 6). Von einem Impfnachweis ist dort nirgends die Rede.
Auch das Grundgesetz hätte offene Kirchen gedeckt, halten die Autoren fest, denn Artikel 4 gewährleistet die ungestörte Religionsausübung. Die Entschuldigung bei den Gläubigen, die vor verschlossenen Türen standen, und die Aufarbeitung, die das Buch einfordert, stehen bis heute aus.
Dieselbe Ausgrenzung beschreibt das Buch in der Politik. Im Februar 2024 erklärte die Bischofskonferenz die AfD für Christen für nicht wählbar, und Bischof Bätzing sagte über deren Wähler: „Mit unserer Solidarität […] darf sie oder er nicht rechnen.“
Im Landkreis Regen verlor ein sechzehnjähriger Oberministrant nach neun Jahren seinen Dienst, weil er sich mit dem AfD-Politiker Maximilian Krah hatte fotografieren lassen. In Weil am Rhein entließ die Pfarrei 2024 eine Ehrenamtliche, die Kindergartenkindern die Ostergeschichte vorgelesen hatte, weil sie für die AfD kandidierte. Im Erzbistum Berlin müssen Kandidaten für Pfarrei- und Gemeinderäte seit einem Beschluss des Diözesanrats vom November 2025 versichern, keiner Partei anzugehören, die der Verfassungsschutz als gesichert extremistisch einstuft.
Die Autoren halten dagegen: Die AfD bekenne sich „eindeutig zum Thema Lebensschutz von der Zeugung bis zum natürlichen Tod“, während Grüne und SPD die Abtreibung entkriminalisieren wollen, ohne dass die Kirche vor ihnen warnt.
Pius XI. hat in Casti connubii vom 31. Dezember 1930 die Staatsgewalt in die Pflicht genommen, das Leben der Ungeborenen durch Gesetz und Strafe zu schützen. Wer eine Partei ausgrenzt, die sich dazu bekennt, und die Parteien schont, die das Gegenteil wollen, misst mit zweierlei Maß. Das Buch benennt diese Doppelmoral zu Recht.
Das römische Vorbild
Nur an einer Stelle bleiben die Autoren stehen, wie viele konservative Kritiker vor ihnen: Die Kirche in Deutschland irrt, Rom korrigiert. Leos XIV. Neujahrsansprache vom 9. Januar 2026 stelle „endlich eine deutliche Kritik an Genderdiskursen dar“, die Kardinäle Müller und Sarah sind „Leuchttürme in stürmischer See“.
In jeder Organisation trägt die Spitze die Verantwortung, für das Gelingen ebenso wie für Skandale und dafür, dass sie geduldet werden. Die Entwicklungen, die das Buch beklagt, haben ein römisches Vorbild.
Das erste Kapitel beginnt mit Papst Franziskus, der am 18. August 2021 erklärte, das Impfen sei „ein Akt der Liebe“. Die Vorwürfe richten sich danach an Bischof Fürst, Bischof Oster und den Ordinariatsrat Gurk.
Das Klimakapitel schließt mit dem heiligen Franz von Assisi als Gegenbild zur „Klima-Kleber-Kirche“. Rom hat seinen Sonnengesang 2015 zum Titel der Klima-Enzyklika gemacht, Laudato si’.
Bätzing und Wilmer grüßen die Muslime zum Ramadan, klagt das Buch. Das vatikanische Dikasterium für den Interreligiösen Dialog tut das jedes Jahr. Am 27. Oktober 1986 lud Johannes Paul II. die Vertreter der Weltreligionen zum Gebet nach Assisi, und am 4. Februar 2019 unterzeichnete Franziskus in Abu Dhabi ein Dokument, das die Verschiedenheit der Religionen auf einen weisen göttlichen Willen zurückführt.
Die Segensfeiern, die das Buch elf deutschen Bistümern vorhält, gehen auf Fiducia supplicans zurück, das Papst Franziskus im Dezember 2023 gebilligt hat. Neben dem Synodalen Weg tagte von 2021 bis 2024 die Weltsynode zur Synodalität, einberufen in Rom. Die Autorin hat der lutherischen Kirche den Rücken gekehrt, Papst Franziskus beging am 31. Oktober 2016 in Lund gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund das Reformationsgedenken.
Dann die Liturgie. Das Buch beklagt Schlagergottesdienste in Gemünden und einen Harry-Potter-Gottesdienst in Herne. Die große liturgische Verfügung Roms in diesen Jahren traf etwas anderes.
Traditionis custodes schränkte am 16. Juli 2021 die überlieferte Messe ein, die Messe, aus der die Heiligen gelebt haben. Diese einschränkende Verfügung gilt bis heute.
Nach den Bischofsweihen von Écône am 1. Juli 2026 exkommunizierte Rom die geweihten Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. Es ist dieselbe Bruderschaft, bei der die Autorin in der Pandemie die Sakramente empfing. Diese ungerechte Maßnahme traf Priester, deren Kirchentüren offenstanden, als andere sie schlossen.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Am 25. September 2026 sprach Leo XIV. im Élysée-Palast. Er verteidigte das Lebensrecht, warnte vor Sterbehilfe, Leihmutterschaft und genetischen Manipulationen und nahm Bezug auf das Recht auf Abtreibung, das Frankreich in seiner Verfassung verankert hat. In derselben Rede lobte er das Erbe der Aufklärung. Mit ihren Denkern, so der Papst, habe Frankreich der Welt „wahre Errungenschaften“ gebracht, darunter die Anerkennung der Menschenrechte, „insbesondere die Religionsfreiheit“. Über die Devise der Republik sagte er:
„Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht bloß Worte, eingemeißelt in die Giebel Ihrer öffentlichen Gebäude, sondern verweisen auf universale ethische Anforderungen, die auch in der Botschaft des Evangeliums eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Erfüllung finden.“
Drei Tage später, in Metz, beschrieb er die Laizität, die das Leben der Staaten regle, als „echte Zusammenarbeit“ zwischen Staat und Kirchen.
Am 10. März 1791 hatte Pius VI. im Breve Quod aliquantum an die Bischöfe Frankreichs die Beschlüsse der Nationalversammlung verworfen. Sie hatte erklärt, der Mensch in der Gesellschaft dürfe in Sachen der Religion nicht behelligt werden und solle darüber meinen, sagen, schreiben und drucken dürfen, was er will. Diese Ungeheuerlichkeiten, so der Papst, leite die Versammlung aus der Gleichheit und Freiheit der menschlichen Natur ab.
„Was kann man sich Unsinnigeres ausdenken, als unter allen eine solche Gleichheit und Freiheit festzusetzen, dass auf die Vernunft keine Rücksicht mehr genommen wird, die vornehmste Gabe der Natur an das Menschengeschlecht, durch die es sich von den übrigen Lebewesen unterscheidet?“
Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., sagte 1987, ein Jahr nach Assisi, vor Priestern in Écône: „Rom hat den Glauben verloren, meine lieben Freunde. Rom ist in der Apostasie.“ Hart klingt dieser Satz. Seither sind Lund, Abu Dhabi und der Élysée-Palast hinzugekommen.
Die deutschen Bischöfe haben das meiste davon nicht erfunden. Sie führen fort, was ihnen vorgemacht wurde, nur eifriger. Wer sie zuerst kritisiert und Rom ausnimmt, behandelt nur ein Symptom.
Kardinal Müllers Kompass
Kardinal Müllers Beitrag ist der theologisch gewichtigste Teil des Buches, und seine Diagnose ist scharf. In Deutschland gehe es um den Versuch, Institutionen, Kirchensteuer und Gebäude für eine Organisation „in Besitz zu nehmen“, die „den katholischen Glauben in seinen wesentlichen Elementen aufgegeben und den Boden der Offenbarung definitiv verlassen hat“.
Gegen den Islam führt der Kardinal die 19. Sure an, die dem Allerbarmer einen Sohn abspricht. Der Muezzin rufe „zu einem anderen Gott“, und wer „relativistisch von dem gleichen Gott spricht“, solle sich an die Worte Jesu erinnern.
Als Heilmittel empfiehlt Müller, „endlich das II. Vatikanum als Kompass für die Kirche in der Welt von heute und morgen“ anzuerkennen. In Lumen gentium, der Konstitution, die er am häufigsten zitiert, heißt es in Nr. 16 über die Muslime, dass sie „sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am jüngsten Tag richten wird“.
Von der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit, Dignitatis humanae vom 7. Dezember 1965, führt dieselbe Linie bis zu dem Satz, den Leo XIV. im Élysée-Palast sprach. Der Kompass des Kardinals zeigt an dieser Stelle dorthin, wovor er warnt.
Die Letzte am Schafott
Am 17. Juli 1794 fuhren sechzehn Karmelitinnen aus Compiègne auf Karren durch Paris zu dem Platz, der heute Place de la Nation heißt. Das Revolutionstribunal hatte sie zum Tod verurteilt, nachdem sie auch nach der Auflösung ihres Klosters heimlich als Gemeinschaft weitergelebt und gebetet hatten. In den Jahren zuvor hatten sie sich Gott als Opfer für den Frieden der Kirche und Frankreichs dargebracht.
Auf dem Weg sangen sie das Miserere, das Salve Regina und das Te Deum. Am Fuß des Schafotts stimmten sie das Veni Creator an und erneuerten ihre Gelübde. Dann stieg eine nach der anderen hinauf, die Jüngste zuerst, die Priorin Mère Thérèse de Saint-Augustin zuletzt, und mit jeder Schwester wurde der Gesang des Laudate Dominum omnes gentes (Lobt den Herrn, alle Völker) leiser.
Zehn Tage später stürzte Robespierre, und mit ihm brach die Schreckensherrschaft zusammen. Der heilige Papst Pius X. sprach die sechzehn Schwestern 1906 selig, Papst Franziskus am 18. Dezember 2024 heilig. Gertrud von le Fort hat ihr Opfer 1931 in der Novelle „Die Letzte am Schafott“ für deutsche Leser erzählt.
Pius VI. starb am 29. August 1799 als Gefangener der Französischen Republik in Valence. Die Republik, deren Devise Leo XIV. im Élysée-Palast würdigte, hatte für ihn und für die Schwestern von Compiègne keinen Raum.
Ein Buch, das weitergeschrieben werden muss
Sylvia und Alfred Sobel haben ein verdienstvolles Buch geschrieben. Wer wissen will, was in deutschen Bistümern seit 2020 gepredigt, gefeiert und unterschrieben wurde, findet es hier gesammelt und mit Namen, Daten und Quellen belegt. Dass zwei Laien diese Arbeit auf sich nehmen, verdient Dank.
Das Buch endet auch nicht in Bitterkeit. Im Kapitel „Aufbrüche“ verweisen die Autoren auf Gebetsgruppen, geistliche Gemeinschaften und das Abendgebet „Nightfever“, in denen junge Menschen den Glauben suchen. Sein einziger Mangel ist, dass es an der Grenze nach Rom stehen bleibt.
Seinen Leitspruch hat es beim heiligen Papst Pius X. entliehen, aus der Enzyklika Pascendi vom 8. September 1907: „Die Partisanen des Irrtums sind nicht nur unter den erklärten Feinden der Kirche zu suchen, sondern, was am meisten zu befürchten und zu bedauern ist, direkt in ihrem Schoße […].“ Der heilige Papst sprach vom Schoß der ganzen Kirche, nicht von ihrer deutschen Provinz.
Der Weg aus der Krise führt zurück zum Altar, zu dem Opfer, das nach der Lehre des Konzils von Trient dasselbe ist wie am Kreuz (22. Sitzung, Kap. 2), und zu dem Glauben, für den sechzehn Karmelitinnen singend gestorben sind. Beten wir für Papst Leo XIV., für die Bischöfe in Deutschland und für alle, die wie die Autoren an ihrer Kirche leiden, dass sie in diesem Glauben feststehen.
